Die Fantastischen Vier blicken auf eine drei Jahrezehnte überdauernde Karriere zurück und bekommen es trotzdem immer noch hin, ganze Konzerthallen zu füllen. Die Frage ist nur: warum eigentlich? Potenzielle Antworten finden sich in ihren eigenen Songs.

1986, also wahrscheinlich bevor viele der Fans, die morgen die Escher Rockhal stürmen werden, überhaupt geboren waren, wurde eine Band gegründet, die zumindest im deutschsprachigen Raum Musikgeschichte schreiben sollte. Seit dem Debütalbum „Jetzt geht’s ab“ 1991 haben Smudo (Michael Bernd Schmidt), Thomas D (Thomas Dürr), Michi Beck bzw. Dee Jot Hausmarke (Michael Beck) und der Produzent And.Ypsilon (Andreas Rieke) neun weitere Alben veröffentlicht und mehrere Millionen Platten verkauft.

Gut 30 Jahre sind die Stuttgarter nun im Geschäft und es hat sich vieles verändert. Galten sie in den 90ern noch als Hip-Hop-Underdogs und leisteten Pionierarbeit in Bezug auf den Sprechgesang in Deutschland, so wird ihr neustes Album „Captain Fantastic“ nun unter dem Begriff „Pop“ geführt. Die ungemeine Popularität, die die Jungs von nebenan über die Jahre gewannen, beschreiben sie selbst recht zutreffend und nicht ohne Selbstironie auf der aktuellen Platte.

Dort rappt Thomas D im Track „Hitisn“ nämlich zu Anfang: „Hier sind die Leader wieder / Bringen ihre Lieder wieder / Ja, die von „Die da, die da“ / Hier diese vier Gewinner / Für immer Überflieger / Die aus der Siegerliga“. Etwas später steigt Smudo ein mit „Vier Dudes mit ’nem Riesenego / Vier Dudes mit ’nem miesen Air-Player / Aber viel im Fernsehen und ’ner Riesen-Fanbase“. Und dann im Chor: „Auch wenn sie das nicht im Radio spielen / Werden wir damit die Stadien füllen / 20.000 Menschen, alle am Springen / Es is’, was es is’, was es is’, was es is’ / (Ohh) Und es ist wieder Fanta-Zeit / Und wir, wir fühlen nichts als Dankbarkeit / Mein lieber Herr Gesangsverein / ’N Hit is’ ’n Hitisn Hitisn Hitisn Hitisn Hitisn Hitisn“.

Multiple-Hit-Wonder

Das sind sie tatsächlich: Multiple-Hit-Wonder. Sei es „Die da“ (1992), „Sie ist weg“ (1995), „MfG“ (1999) oder auch „Troy“ (2004). Wenn auch durchaus mit Wortwitzen und Aktualitätsbezügen gespickt, so waren die Texte doch stets leicht verständlich und wurden es – zum Leidwesen mancher Fans – mit der Zeit immer mehr. Während die einen zusehends Tiefe vermissten, gewannen die „Fantas“ an anderen Enden zahlreiche Anhänger. Vielleicht nicht zuletzt auch, weil ihre Musik mittlerweile perfekt zu einem halbwegs kalten Bier passt und zum Mitgrölen einlädt, sodass ein Grundbedürfnis der zahlenden Masse gestillt ist.

Ebendiese Beschreibung ruft automatisch Bilder des Musikvideos zum Song „Zusammen“ (2018) ins Gedächtnis, bei dem der langjährige Manager Andreas Läsker zwar nur scherzhaft, aber doch nah an der Realität darauf hinweist, dass die Band schon bessere Tage gesehen hätte. Demnach bräuchte es einen Fünften im Bunde, um wieder Erfolge feiern zu können. Dann folgt ein ziemlich verkitschtes Feature mit Clueso (einem auch nicht mehr ganz so jungen Songwriter, dessen Hochzeiten ebenfalls weit zurückliegen), in dem ein fröhliches Miteinander angepriesen bzw. gar propagiert wird.

Schall und Rauch

Der Song diente dem Sender ARD als Hymne für die Fußballweltmeisterschaft. Ein Schelm, wer hier an die Textzeilen „ARD, ZDF, C&A / BRD, DDR und USA / BSE, HIV und DRK / GbR, GmbH, ihr könnt mich mal“ aus dem „MfG“-Track denkt. Oder ist die Erklärung für den Sinneswandel vielleicht direkt im selben Lied zu finden? „Wir gehen drauf für ein Leben voller Schall und Rauch / Bevor wir fallen, fallen wir lieber auf.“

Die in „Hitisn“ erwähnte Präsenz im Fernsehen scheint in der Tat mit abnehmenden Verkaufszahlen zugenommen zu haben und darin gegipfelt zu sein, dass man Michi Beck sowie Smudo ab 2014 als Juroren bei der Casting-Show „The Voice of Germany“ auf dem Bildschirm erblicken konnte. (Nachdem der singende Verschwörungstheoretiker Xavier Naidoo dort gesessen hatte, war das zweifelsfrei eine positive Publicity für den Privatsender, jedoch hat’s die beiden eventuell auch einige Credibility-Punkte bei der alten Fanbase gekostet.)

Business statt Underground

In „Michi gegen die Gesellschaft“ („Lauschgift“-Album von 1995) verlautbarte dieser selbst: „Bring die Schallplattenteller in seinen schallgeschützten Keller / Denn da läuft das mit dem Sound und dem Bauen schon reeller“. Diesen „Underground“ haben die Herren im doppelten Wortsinn vor langer Zeit verlassen, aber wenn man ihnen glauben darf, dann tut die Tatsache, dass sie längst ganz oben im Business angekommen sind, trotzdem nichts zur Sache: „Denn wenn du glaubst, mit dem Geld, das ich hab’, kann ich mir alles kaufen / Dann hast du vergessen, dass die Dinge hier ganz anders laufen (…) Hoffnungen, Gehässigkeiten, ungewollte Lässigkeiten, Vorurteile, Vorurteile, andre große Kleinigkeiten (…) Sterben kannst du nicht, wenn du in aller Leute Köpfe warst / Doch jetzt ist das Leben und ich muss es tun / Mit meinem Willen zu wählen und ’ner Buddel voll Ruhm / Denn hier oben wär’ kein andrer, wenn ich nicht bekannter wär’“ („Populär“, 1995).

Mal sehen, wie sich die vier heute Abend machen … Sicher ist letztendlich nur, dass sie ernten werden, was sie säten.

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