Am Sonntag findet der letzte große Flandern-Klassiker der Radsportsaison statt. Paris-Roubaix ist aufgrund der schwierigen Kopfsteinpflaster-Sektoren einmalig. Jempy Drucker erläutert die Besonderheiten der drei anspruchsvollsten Passagen auf den 257 km.

Paris-Roubaix ist eines der spektakulärsten Radrennen. Nicht umsonst werden die Radprofis, die sich der „Hölle des Nordens“ stellen, oftmals als Krieger bezeichnet. Der ehemalige Tour-de-France-Direktor Jacques Goddet nannte das Rennen „La dernière folie du cyclisme“. Die Radprofis starten in Compiègne, rund 80 km nördlich von Paris, und müssen 257 km zurücklegen, bis sie im altehrwürdigen Velodrom von Roubaix ankommen. Der Weg dorthin führt über 54,5 Kilometer des berühmten Kopfsteinpflasters. Alles in allem gibt es 29 verschiedene gepflasterte Sektoren.

Diese werden von den Organisatoren je nach Schwierigkeitsgrad mit einem (leicht) bis fünf (schwer) Sternen ausgezeichnet. Je unebener die Pflastersteine, desto höher der Schwierigkeitsgrad. Die Höchstwertung von fünf Sternen erhalten drei berüchtigte Sektoren, die eine entscheidende Rolle im Rennen spielen können: die Trouée d’Arenberg, Mons-en-Pévèle und der Carrefour de l’arbre. Einer, der diese Streckenabschnitte aus dem Effeff kennt, ist Jempy Drucker. Der Luxemburger Radprofi vom Team Bora-hansgrohe erholt sich momentan von seinem Sturz bei Dwars door Vlaanderen.

Der 32-Jährige erlitt einen Halswirbelbruch und eine Gehirnerschütterung. Das Rennen sieht er sich im Fernsehen an, nachdem er in den vergangenen fünf Jahren selbst durch die „Hölle des Nordens“ fuhr. Für das Tageblatt hat Drucker die Besonderheiten der drei schwierigsten Kopfsteinpflaster-Passagen erläutert. Was seine Favoriten für das Rennen angeht, so hofft er natürlich auf einen Sieg seines Kapitäns Peter Sagan. „Es kommen aber viele Fahrer für den Sieg infrage. Es hat sich keiner so richtig hervorgehoben“, so Drucker, der als Geheimtipp den Belgier Yves Lampaert nennt, den Teamkollege von Bob Jungels bei Deceuninck – Quick Step. Mit Alex Kirsch geht dieses Jahr nur ein Luxemburger an den Start.


 


Trouée d’Arenberg

Nach 162,5 km / noch 94,5 km bis zum Ziel / Länge: 2,3 km

„Bei der Anfahrt an die Trouée d’Arenberg geht es zu wie bei einer Zielankunft im Massensprint. Jeder will vorne dabei sein. Die Straße vor dem Kopfsteinpflaster-Sektor ist sehr breit, und auf einmal geht es auf einen engen Feldweg zu. Zudem geht es vor dem Sektor leicht bergab, sodass man mit 50 bis 55 km/h auf die Kopfsteinpflaster fährt. Ab dann ist die Straße leicht ansteigend, man wird immer langsamer und spürt jedes Loch, jede Unebenheit. Außerdem sind die Pflastersteine wirklich nicht in dem besten Zustand. Wobei die ersten 400 Meter in diesem Jahr instand gesetzt wurden. Wer sich hier zu weit hinten im Peloton aufhält – und womöglich noch einen Platten bekommt oder sonstige Materialprobleme –, für den kann das Rennen bereits gelaufen sein. Auf die Trouée d’Arenberg trifft die alte Radsportweisheit zu: Man kann das Rennen hier nicht gewinnen, aber bereits verlieren.“


Mons-en-Pévèle

Nach 209 km / 48 km bis zum Ziel  / Länge: 3 km

„Zu Beginn dieses Sektors geht es leicht bergab, bevor die Straße dann in ein aufsteigendes ‘faux plat’ übergeht. Mons-en-Pévèle ist aus mehreren Gründen recht anspruchsvoll. Zum einen wegen seiner Länge, drei Kilometer sind ein weiter Weg auf Kopfsteinpflaster. Hinzu kommen noch sehr viele Richtungswechsel. Hat man die drei Kilometer überstanden, bleibt es weiterhin stressig im Peloton. Bei der Ausfahrt vom Sektor herrscht oft Seitenwind, den einige Fahrer nutzen, um Windkante zu fahren und das Feld auseinanderzureißen. Ab hier wird richtig taktiert und das Rennen beruhigt sich normalerweise nicht mehr bis ins Ziel. Oftmals fällt auf diesem Sektor eine Vorentscheidung.“


Carrefour de l’arbre

Nach 240,5 km / 16,5 km bis zum Ziel / Länge: 2,1 km

„Ich werde nie den Moment vergessen, als ich das erste Mal über diese Kopfsteinpflaster fuhr. Es war bei der Streckenbesichtigung mit meinem früheren Team Wanty, ein paar Tage vor meiner ersten Teilnahme an Paris-Roubaix. Ich dachte nur ‘was ist denn hier los?’, man hat den Eindruck, als hätte ein Lastwagen die Klappe geöffnet und man hätte die Pavés so liegen lassen, wie sie vom Laster gefallen sind. Die Löcher zwischen den Steinen sind teilweise enorm. Hinzu kommt noch, dass unmittelbar nach dem Carrefour de l’arbre der Sektor Gruson ansteht. Der ist eigentlich nicht so sonderlich schwer, aber da er nach dem Carrefour kommt, hat er es dennoch in sich. Die Arme schmerzen und man ist am Ende seiner Kräfte. Wenn man diesen Sektor übersteht, schafft man es bis ins Velodrom nach Roubaix. Für die Fahrer, die vorne dabei sind, ist es eine der letzten Gelegenheiten, sich alleine oder mit einer kleinen Gruppe abzusetzen. In den vergangenen Jahren habe ich nach dem Carrefour de l’arbre jedesmal tief durchgeatmet. Man weiß dann, dass man das Schlimmste überstanden hat.“

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