Noch bis zum 9. März zeigt das Kulturzentrum „Aalt Stadhaus“ Fotos des Differdinger Fotografen Fred Bisenius (62). Die Ausstellung hat er seiner 2014 verstorbenen Frau Li Stooss gewidmet. Gezeigt werden vor allem Porträts von Jazz-Musikern, die der Mitinitiator der „Jazz am Minette“-Reihe im In- und Ausland geschossen hat. Nur ein kleiner Bereich ist der Arbeiterfotografie gewidmet. Ein Porträt eines engagierten und vielfältigen „Cantonniers“, für den die Rente neue Möglichkeiten eröffnet.

Seit 45 Jahren ist Fred Bisenius Fotograf. Hobbyfotograf, wie er betont. Auch wenn viele seiner Bilder durchaus mit denen von Profis mithalten können. Außerordentlich und beeindruckend ist vor allem seine dokumentarische Arbeit über das Alltagsleben im Minette. Einige der Fotos sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen. Aufgewachsen ist der heute 62-Jährige in Schifflingen. Sein Vater war Chemiker bei der Hochofenkontrolle „op der Schmelz“. Nach der Grundschule hat Bisenius an der Berufsschule einen Abschluss in Chemie gemacht. Naturwissenschaften haben ihn schon immer fasziniert.

Als Teenager ist er dem Schifflinger Fotoclub beigetreten. Angefangen hat er mit Astrofotografie. Dank langer Belichtungszeiten sei es ihm mit kleinen Mitteln sogar gelungen, Sternennebel und Planetenbewegungen festzuhalten. „Die anderen im Verein haben den Kopf geschüttelt. Der hat nur Negative mit Pünktchen drauf“, erzählt Bisenius.
Nach der Schule kam die Arbeitslosigkeit. Deshalb gründete Fred Bisenius Ende der 1970er-Jahre mit Freunden ein Fotokollektiv. Kurze Zeit später richteten sie im verlassenen Escher „Schluechthaus“ ihre Dunkelkammer ein. Materielle Unterstützung erhielten sie vom Kulturministerium.

Fotos vom Alltag in Luxemburg 

Nach und nach hat Bisenius dann begonnen, den Alltag in Luxemburg und vor allem in der Minetteregion zu fotografieren. Spielende Kinder, Arbeiter auf der Baustelle und seine Mutter bei der Hausarbeit. Die Mitglieder des Kollektivs streiften durch Esch oder Differdingen. Sie unterhielten sich mit den Leuten und lichteten sie bei der Arbeit und in ihrer Freizeit ab. Im Escher Brill-Viertel porträtierten sie Handwerker. Sie wollten zeigen, mit welchen Problemen die Menschen im Alltag zu kämpfen haben. Um ihnen etwas zurückzugeben, stellte das Kollektiv seine Bilder nicht in einer Galerie oder im Rathaus, sondern in der Brill-Straße aus.

„Wir haben uns an der Tradition der Arbeiterfotografie orientiert, die als Teil der fortschrittlichen Bewegung in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ihre Hochkonjunktur hatte. Wir verfolgten eher einen sozialdokumentarischen als einen journalistischen Ansatz“, erläutert Fred Bisenius.

Nachdem er eine Anstellung als „Cantonnier“ bei den „Ponts et chaussées“ angenommen hatte, rückte die Dokumentarfotografie immer mehr in den Hintergrund. Das Kollektiv löste sich auf und Bisenius wandte sich seiner zweiten Leidenschaft zu. Schon als Schüler hatte er mit seinem älteren Cousin Konzerte des hauptstädtischen Jazz-Clubs im „Melusina“ besucht.

Gemeinsam mit seiner vor fünf Jahren verstorbenen Ehefrau, der Schauspielerin und Aktivistin Liette „Li“ Stoos, und mehreren Freunden rief Bisenius 1987 die Veranstaltungsreihe „Jazz am Minett“ (JAM) ins Leben. Erneut war es das Escher „Schluechthaus“, das als Kulisse diente. Im Mittelschiff fanden die ersten Konzerte statt.
Am Anfang sei es vor allem wichtig gewesen, Kontakte aufzubauen, sagt Bisenius. Die Mitglieder des Vereins machten alles selbst. Sie buchten die Künstler, brachten sie unter und kümmerten sich um die Getränke. Der Grafiker Claude Fontaine und der Zeichner Guy W. Stoos entwarfen das Logo und die Plakate. Finanzielle Hilfe erhielt der Verein vom Kulturministerium, bei der Buchung half der 1967 gegründete „Stater“ Jazz-Club.

Vom „Schluechthaus“ in die Kneipenszene

„Das ’Jazz am Minett‘ verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die europäische Szene. Wir sahen uns nicht als Konkurrent zum Jazz-Club aus der Hauptstadt, denn wir haben vorwiegend den Freejazz gefördert und sind bis zum Schluss dabei geblieben“, erzählt Bisenius. JAM empfing vor allem Musiker aus Europa. Doch auch aus den USA, aus China, Südafrika, Australien, Kuba und Argentinien seien sie gekommen. Der Bassklarinettist Michel Pilz habe einmal gesagt, „Jazz am Minett“ habe Luxemburg erst auf die internationale Jazz-Landkarte gebracht, berichtet Bisenius stolz.

Nach Divergenzen mit der Kulturfabrik zog JAM aus dem „Schluechthaus“ aus und wurde mit „offenen Armen“ in der Escher Kneipenszene empfangen. Der Verein organisierte seine Konzerte fortan im „Café Artiste“ von Luke Haas auf dem Escher Gemeindeplatz, im heutigen „Café beim Tina“ in der avenue de la Gare, im „Sunset“ auf dem Benelux-Platz oder „bei de Jhangen“ auf dem Brill-Platz.

CinéConcerts im großen Saal

Unter Direktor Guy Wagner durfte JAM sogar in die „Theaterstiffchen“ und anschließend unter Philippe Noesen ins Café „Ubu“ des Escher Stadttheaters ziehen. In dieser Zeit wurden auch die „Ciné-Concerts“ im großen Saal des Theaters veranstaltet. Jazzkapellen spielten live zu Stummfilmen. Lange Zeit habe das hervorragend geklappt. Erst als Charles Muller die Leitung des Theaters übernommen habe, sei die Zusammenarbeit gescheitert. Die Gründe möchte Bisenius „besser nicht kommentieren“.

Nach 18 Jahren und rund 200 Konzerten ging „Jazz am Minett“ 2005 zu Ende. „Wir fanden keine Locations mehr und das Geld wurde knapp“, bedauert Fred Bisenius.

Mehr als die Hälfte der Konzerte hat er auf Tonband aufgenommen. Mit nur einem Mikrofon, aber die Qualität sei gut. Und natürlich hat er während all der Jahre Fotos geschossen. „Ich habe es mir leicht gemacht. Ich habe die Musiker einfach zu mir kommen lassen“, scherzt Bisenius. Die Jazzporträts machen den größten Teil der Ausstellung in Differdingen aus. Die Bilder sind nicht nur beim JAM, sondern auch auf kleineren Festivals im Ausland entstanden. Neben amerikanischen Jazz-Ikonen wie Dizzy Gillespie, Chat Baker oder Anthony Braxton sind auch europäische Granden wie Michel Pilz und luxemburgische Musiker wie Bisenius’ langjähriger Freund Luciano Pagliarini zu sehen. Eines seiner Bilder wurde erst kürzlich als Cover für ein Buch von Michel Edelin über den amerikanischen Jazz-Saxofonisten Steve Potts verwendet.

„Ich stand immer in der ersten Reihe. Das war nicht ungefährlich, denn manchmal sind Splitter von den Drumsticks herumgeflogen“, lacht der Fotograf.

Von Schwarz-Weiß zur Farbfotografie

Nach und nach wechselte er von der aufwändigeren Schwarz-Weiß- zur Farbfotografie. Der Nachteil war, dass die Farbfilme weniger lichtempfindlich waren, was bei den Lichtverhältnissen auf Konzerten manchmal schwierig gewesen sei. Zur Digitalfotografie sei er erst spät gekommen.

Seit 2016 ist Fred Bisenius in Rente. Er war es, der den Saxofonisten Luciano Pagliarini nach dessen Schlaganfall 2017 wieder zur Musik gebracht hat. Mittlerweile ist er Manager seiner Band Total Trio.

Mit Pagliarini will Bisenius künftig noch weitere Ausstellungen organisieren. Zum Beispiel über die Minette-Region oder über die Arbeit. Denn soziales Engagement war Fred Bisenius stets wichtig. Auch wenn sein dokumentarisches Schaffen Mitte der 1980er-Jahre der Jazzfotografie wich, dokumentierte er im Laufe der Zeit immer noch Gewerkschaftsdemonstrationen, politische Aktionen der Kulturfabrik, das Aufkommen der Jugendhäuser, Proteste der Friedens- und Umweltbewegung, den traditionellen Barbaratag und alternative Theateraufführungen, bei denen seine Frau Li mitwirkte. Das Problem sei nur, die Fotos wiederzufinden und herauszufinden, wo sie geschossen wurden. Denn Schwächen hat Fred Bisenius auch, wie er gesteht: „Ich bin kein guter Archivar. Ich habe nie vermerkt, wo ich die Bilder aufgenommen habe.“

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