Wer eine wissenschaftliche Arbeit lesen will, muss für den Artikel oder ein Abo bezahlen. Ein Unding, meint Marc Schiltz. Besonders wenn die Forschung mit öffentlichen Geldern finanziert worden ist. Mit der Initiative „Plan S“ setzt sich der Generalsekretär des staatlichen Finanzierers „Fonds national de la recherche“ (FNR) für einen freien Zugang zur Wissenschaft ein.

Lesen Sie zum Thema auch den Kommentar “Wissenschaft für alle”.

Tageblatt: Welchen Teil der Wissenschaft in Luxemburg finanzieren die Steuerzahler?

Marc Schiltz: Wissenschaft ist ein sehr breites Feld. Die öffentliche Wissenschaft wird allerdings zum allergrößten Teil mit öffentlichen Geldern finanziert.

Das bedeutet, dass jeder, der in Luxemburg lebt, arbeitet und einkauft, die Wissenschaft in Luxemburg mitfinanziert?

Ja. Jeder, der Steuern bezahlt.

Wenn ein Wissenschaftler seine Forschung veröffentlichen will, wie funktioniert das?

Da liegt das Problem. Forschungsergebnisse werden meistens in spezialisierten Fachzeitschriften veröffentlicht. Um diese lesen zu können, muss man zahlen. Sei es über ein Abonnement oder indem man einzelne Artikel online kauft.

Oder man geht einfach in eine Bibliothek.

In diesem Fall ist es letztendlich die Bibliothek, die das Abo bezahlt.

Diese Fachzeitschriften erfüllen doch eine wichtige Rolle in der Wissenschaft. Wenn etwas in einem solchen Magazin veröffentlicht wird, bedeutet das doch, dass es von Experten überprüft wurde.

Das ist absolut richtig. Diese Verlage üben eine Qualitätskontrolle aus. Dabei muss man sagen, dass diese Qualitätskontrolle von Forschern durchgeführt wird. Wenn ein Forscher seine Arbeit bei einem solchen Verlag einreicht, dann schickt der Verleger die Arbeit weiter an andere Forscher. Die sollen ein Urteil darüber fällen, ob es sich um eine solide wissenschaftliche Arbeit handelt und ob Änderungen vorgenommen werden müssen. Diese Arbeit wird also auch von der Forschungsgemeinschaft selbst vorgenommen und wird praktisch nie bezahlt.

Vor Kurzem gab es einen Skandal, weil einige Fachzeitungen sehr lasch waren mit Veröffentlichungen, wenn der Autor der Arbeit dafür bezahlt hat …

… die sogenannten „Predatory Journals“. Dieses Problem halte ich für marginal. Warum sage ich das? Wissenschaftler werden heute nach der Zahl ihrer Publikationen bewertet – was ein Problem ist. Wenn ein Wissenschaftler sich auf eine Stelle bewirbt, wird geschaut, wie viele Arbeiten er veröffentlicht hat und in welchen Fachzeitschriften sie erschienen sind. In der Vergangenheit haben verschiedene Universitäten in unterschiedlichen Ländern über die Stränge geschlagen und Forscher dazu veranlasst, möglichst viel zu publizieren. Darunter waren auch Arbeiten, die nicht besonders relevant sind. Davon haben diese „Predatory Journals“ profitiert, die alle Beiträge annehmen und veröffentlichen, weil sie keine Qualitätskontrolle haben.

Oft ist das, was publiziert worden ist, nicht falsch. Es ist bloß wenig relevant und nicht wichtig genug, um in einem normalen Magazin veröffentlicht zu werden. Darüber hinaus sind diese Zeitschriften bekannt. Ein seriöser Forscher will nicht in so einer Publikation veröffentlichen. Er würde bei seinen Kollegen sein Ansehen verlieren. Diese Selbstregulierung funktioniert sehr gut. Ich kenne keine Forscher, die ihren Namen in so einem Magazin lesen wollen. Natürlich gibt es immer Ausnahmen.

Welche Änderungen schlagen Sie nun vor?

Ich habe mit der Europäischen Kommission eine Initiative ins Leben gerufen, die von folgendem Prinzip ausgeht: Der Steuerzahler bezahlt viel Geld für die Forschung, also muss das Resultat für den Steuerzahler auch zugänglich sein – sowohl für andere Forscher wie auch für die Allgemeinheit.

Alleine der „Fonds national de la recherche“ verteilt im Jahr 60 bis 70 Millionen Euro an Steuergeldern an Forscher. Es ist gibt keine Rechtfertigung dafür, dass wir Millionen in ein Forschungsprojekt investieren und das Endresultat – der Aufsatz oder der Bericht mit den Resultaten – wird privatisiert. Das wird aber heute so gemacht: Der Forscher gibt sein geistiges Eigentum ab an einen Verlag und der macht es zu Geld.

Solche Verlage haben bei der Qualitätskontrolle und der Verbreitung der Arbeiten eine Rolle zu spielen, aber sie sollen sich in Zukunft nicht mehr das gesamte geistige Eigentum aneignen und verkaufen.

Wie würde das konkret umgesetzt werden?

Da gibt es unterschiedliche Modelle, die benutzt werden können. Zum Beispiel können der Autor oder seine Institution für die Dienstleistung eines Verlages bezahlen.

Es gibt Fälle, in denen Universitäten und Forschungszentren ein Konsortium gründen, um eine Reihe von Fachzeitschriften zu finanzieren. Diese Modelle sind natürlich weniger profitabel. Derzeit gibt es eine Marktkonzentration. 50 Prozent der Fachzeitschriften sind in der Hand von fünf großen Verlegern.

Wird es dadurch für neue Verlage nicht schwieriger, in diesen Markt hineinzukommen?

Doch. Immer wenn es in der Wirtschaft solche Konzentrationen gibt, ist es schwer für Neue, sich auf diesem Markt zu etablieren. Das Geschäftsmodell dieser Verleger ist ein Geschäftsmodell aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Wir tun so, als ob diese Journale ein gedrucktes Produkt sind, das in die Bibliotheken in der ganzen Welt ausgeliefert wird. Das ist nicht mehr die Realität. Ein Teil dieser Fachzeitschriften druckt nicht einmal mehr, sondern publiziert nur noch online.

Wird es dadurch nicht sehr einfach, einen Ersatz zu schaffen? Kann eine Initiative wie die Ihre nicht einfach eine Internetseite schaffen und Forscher auffordern, darauf zu publizieren?

Es gibt bereits eine Reihe von sogenannten „Open Access Journals“ (dt.: Zeitschriften mit offenem Zugang). Mittlerweile gibt es auch Plattformen, die so funktionieren und zum Teil von Universitäten und Forschungsinstituten betrieben werden.

Im Moment gibt es allerdings noch eine Hürde. Die Forschungswelt ist, was das angeht, eher konservativ. Das heißt Forscher publizieren weiter gerne in Fachzeitschriften, die sie kennen.

Haben die Forscher nicht auch ein Interesse daran, in renommierten Zeitschriften zu veröffentlichen und nicht das Risiko einzugehen, auf einer unbekannten Plattform zu publizieren?

Zum Teil schon. Wir haben lange Forscher nicht danach beurteilt, was sie publizieren, sondern wo sie publizieren. Dadurch hat sich eine Hierarchie unter den Zeitschriften etabliert. Es gibt deshalb auch Maße wie den „Journal Impact Factor“. Allerdings sagen Studien, dass der Impact-Faktor einer Fachzeitschrift nichts über die Qualität einer Publikation aussagt. Eine Forschungsarbeit, die in einer Zeitschrift mit einem hohen Impact-Faktor publiziert wird, kann auch schlecht sein. Wir müssen uns wieder darauf zurückbesinnen, darauf zu achten, was Forscher publiziert haben, anstatt wo sie publiziert haben.

Braucht es denn nicht eine Orientierungshilfe, um gute Arbeiten zu erkennen? Wie kann etwa ein junger Student beurteilen, ob eine Arbeit gut oder schlecht ist?

Das mag sein. Der Name des Fachmagazins ist dafür aber ein denkbar schlechter Indikator und nicht der richtige. Eine neue Tendenz ist es, die Experten-Gutachten („Peer-Review“) zu einer Forschung zu veröffentlichen. Das war vorher nicht der Fall.

Außerdem haben sich eine ganze Reihe von Open-Access-Zeitschriften recht gut etabliert und genießen in der Wissenschaftsgemeinschaft einen hohen Stellenwert. Open Access bedeutet nicht automatisch schlechtere Qualität. Das ist absolut nicht der Fall.

Für Forscher ist außerdem sehr wichtig: Arbeiten, die Open Access veröffentlicht werden, werden 30 bis 50 Prozent mehr gelesen. Dazu gibt es klare Statistiken.

Demnach verbreitet sich Wissenschaft besser, wenn sie weniger kostet?

Ja, wenn diese Hürde überwunden wird, dann fließen die Informationen besser.

Wird Open Access in Luxemburg viel genutzt?

Wir liegen im europäischen Schnitt. Zwischen 25 und 30 Prozent der Publikationen in Luxemburg werden Open Access veröffentlicht. In anderen Ländern wie der Schweiz ist es bereits fast die Hälfte.

Kann der FNR nicht die Bedingung stellen, dass Forschung, die er mitfinanziert, Open Access veröffentlicht wird?

Genau das werden wir ab 2020 verlangen. Eine ganze Reihe von Forschungsfinanzierern in Europa und darüber hinaus werden auch diesen Weg gehen.

Ich habe im Herbst die Initiative „Plan S“ zusammen mit der Europäischen Kommission gestartet. Wir verlangen, dass Forschung, die mit unseren öffentlichen Geldern finanziert worden ist, öffentlich zugänglich ist. Die Kommission will die Maßnahme in ihrem nächsten Rahmenprogramm umsetzen. Es ist ein Witz, dass wir dafür bezahlen müssen, um Zugang zu der Forschung zu erhalten, die wir selbst finanziert haben. In Zukunft sagen wir klar, wer von uns Geld für die Forschung bekommt, muss Open Access publizieren.

Welche Auswirkungen wird diese Wendung haben?

Ein großer Teil der Forschung wird davon betroffen sein. Besonders sehr hochwertige Forschung, da wir bereits eine sehr strenge Auswahl treffen, was wir überhaupt finanzieren. Beim FNR wird nur ein Drittel der eingereichten Projekte finanziert. Bei anderen Agenturen ist die Quote ganz ähnlich oder sogar niedriger.

Die Initiative hat wieder zu einer Diskussion in Europa und darüber hinaus geführt. Die Verlagshäuser sind darüber natürlich nicht glücklich. Sie müssen ihr Geschäftsmodell nun anpassen. Es geht um ganz viel Geld. Weltweit werden 10 Milliarden Dollar für diese Abonnements und die Zugangsrechte zu den Artikeln bezahlt. Dieses Geld kommt auch wiederum aus Steuergeldern, weil es sich dabei ganz oft um Abonnements von Nationalbibliotheken oder Universitäten handelt.

Nehmen Sie den Verlagen nicht die Lebensgrundlage? Gibt es für sie überhaupt die Chance, ihr Geschäftsmodell zu ändern?

Das ist deren Problem. Es ist nicht meine Aufgabe, einem Privatunternehmen zu erklären, wie es sich aufstellen soll. Es gibt aber Verleger, die Open Access umgesetzt haben und damit leben.

Die kommerziellen Verlage – es gibt auch nicht kommerzielle Vereine, die wissenschaftliche Artikel publizieren – haben in den letzten Jahren extrem profitiert. Sie haben Margen über 30 Prozent. Nicht einmal Apple und Google haben solche Margen. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. Ich glaube, dass sie auch in Zukunft Geschäfte machen können, allerdings nicht mehr mit diesen Margen.

Der FNR und andere Finanzierer haben eine Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler und der Öffentlichkeit. Die Resultate der öffentlichen Forschung müssen in der Öffentlichkeit bleiben.

Kann die breite Öffentlichkeit überhaupt etwas mit diesen Publikationen anfangen? Sie setzen doch oft ein sehr spezifisches Fachwissen voraus.

Die meisten Menschen wahrscheinlich nicht. Es gibt allerdings Berufsgruppen, die etwas damit anfangen können. Ärzte etwa und Patientenorganisationen. Ein Arzt braucht Zugriff auf die neuesten Ergebnisse aus der medizinischen Forschung.

Woher stammt dieses Interesse, gerade jetzt etwas am System zu verändern?

Erstens ist das Modell der Fachzeitschrift als Handelsware nicht mehr zeitgemäß. Wir können nicht so tun, als habe es die Digitalisierung nicht gegeben. Zweitens haben die Verlagshäuser übertrieben. Sie haben ihre Abopreise von Jahr zu Jahr erhöht – weit über die allgemeine Preissteigerung hinaus. Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem diese Kosten nicht mehr tragbar sind. Die deutschen Universitäten zum Beispiel haben pro Jahr 50 Millionen Euro an den größten Verleger gezahlt. Dieses Geld könnte man auch in die Forschung stecken.

Die Situation spitzt sich gerade zu. Einerseits gibt es „Plan S“, andererseits weigern sich immer mehr Bibliotheken, die hohen Abopreise zu zahlen. Die deutschen Bibliotheken haben damit begonnen. Sie konnten sich mit dem größten Verleger nicht einigen. Schweden, Ungarn und Norwegen haben nachgezogen.

Vor einigen Wochen hat die Universität von Kalifornien ihre Abos beim größten Verleger Elsevier gekündigt, weil sie sich nicht einigen konnten. Das war eine wichtige Wendung. Ich hoffe, dass wir dieses System in den nächsten Monaten umkehren können.

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