Vater Julien hat sich schon seit Jahren einen Namen als „Chansonnier“ gemacht, Sohn Andrea belegte voriges Jahr bei einem US-amerikanischen Wettbewerb mit seinem Song „About You“ den siebten Platz. Andrea Arpetti ist ein klassisches Beispiel des Apfels, der nicht weit vom Stamm fällt.

Als uns vor etwa einem Jahr die Nachricht erreichte, dass ein gewisser Andrea Arpetti bei einem US-amerikanischen Wettbewerb den guten siebten Platz belegte (das Tageblatt berichtete am 4.3.2018), wurden wir hellhörig. Nicht etwa wegen des Wettbewerbs, sondern wegen des Nachnamens. Rund 15 Jahre davor hatten wir nämlich das Glück, einem Konzert seines Vaters Julien beizuwohnen, der damals einen Preis der SACEM gewonnen hatte (siehe Kasten). Im Gedächtnis blieb uns vor allem sein Lied „Les feux de l’usine“. Nachdem wir nun vor kurzem Julien Arpetti zusammen mit Jhemp Hoscheit auf der Bühne bei dessen Programm „Märd alors … Eng bësseg Chronik“ sahen, entschlossen wir uns zu einem Gespräch mit Vater und Sohn gleichzeitig.

INFO

Julien Arpetti (57), Französischlehrer am LTMA in Petingen, gewann 2001 den „Prix spécial de la Sacem France (Société des auteurs, compositeurs et éditeurs de musique) du meilleur auteur-compositeur“.

 Andrea Arpetti (29), Lehrbeauftragter für Musik am LTMA in Petingen, errang mit seinem Lied „About You“ 2018 den siebten Platz beim US-amerikanischen Wettbewerb „Music City Song Star“.

Beide wohnen in Differdingen.

Dabei sprachen wir auch über das Lied „Les feux de l’usine“, das mittlerweile zu einer Art Erkennungsmelodie für Arpetti senior wurde. Der Sohn sieht in dem Lied vor allem die Würdigung der Generation ihrer Großeltern. „Dank des Schweißes unserer Großeltern konnte ich Musiker werden.“ Der Vater jedoch steht einem seiner bekanntesten Titel wesentlich distanzierter gegenüber. „Ich habe die beiden ersten Strophen mit 15 oder 16 Jahren geschrieben, die beiden letzten mit 33. Das Lied wird immer wieder von den Zuhörern verlangt, aber für mich ist es passé. Es wäre schön, den Leuten ein für allemal ein Lied zu geben, ohne immer wieder in die Rolle schlüpfen zu müssen. Wenn du willst, dass es zu einer richtigen Kommunikation zwischen dir und dem Publikum kommt, musst du alles geben. Immer wieder ,Les feux de l’usine‘ zu singen, ist wie an einer Wunde zu kratzen, und die deswegen nicht verheilt.“

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Auch wenn die beiden als Musiker in anderen Bereichen aktiv sind – Jazz/Pop der Sohn, Chanson der Vater –, so sind sie ein hervorragender Beleg dafür, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Beide sind nicht nur Musiker, sondern arbeiten auch als Lehrer am gleichen Lyzeum in Petingen. Ihr Werdegang ist allerdings etwas verschieden verlaufen. Vater Julien hat schon im Kindesalter mit Musik angefangen, ganz klassisch im Escher Konservatorium, wo er einen 1er prix (Saxofon) machte.

Erst der Fußball, dann die Musik

Die Musik stand allerdings lange an zweiter Stelle hinter dem Fußball. Eine Knieverletzung zwang ihn jedoch, damit aufzuhören. Heute betrachtet er den Unfall als das, was die Engländer als „blessing in disguise“ bezeichnen: „Dadurch habe ich wieder den Weg zur Musik zurückgefunden“, sagt er.

Die Leidenschaft für Musik habe ihm der damalige Dirigent der Differdinger „Harmonie municipale“ Asca Rampini vermittelt. „Er hat mir gezeigt, was Leidenschaft, Passion bedeutet. Passion kommt ja vom lateinischen ‚passio‘, das Leiden.“

Neben der Musik gab und gibt es noch eine zweite Leidenschaft in Julien Arpettis Leben: die Literatur. „Baudelaire z.B., das war auch passionnel.“ Heute arbeitet Arpetti als Französischlehrer und singt in seiner Freizeit vor allem französische Chansons, selbstverfasste, aber auch manchmal Klassiker aus Frankreich. Texte schreiben habe für ihn etwas Magisches. „Der Moment, wenn man das letzte Wort geschrieben hat, ist so sinnlich wie die Liebe zu einer Frau.“ Texten ist für ihn „der einzige Moment im Leben, in dem ich so etwas wie Transzendenz spüre. Es ist das, was bleibt, egal, was mit Julien passiert.“ Und: „Meine Texte sind besser als ich.“

Auch Andrea spielte in seiner Jugend Fußball, von Verletzungen blieb er verschont. Auf den Musikgeschmack kam er ausgerechnet durch einen Musikerkollegen seines Vaters, der damals in einer Gruppe namens Icy Blue spielte. Als kleiner Junge bekam er ersten Unterricht am Schlagzeug vom Drummer der Band. Die Liebe zur Musik hat sich zwar vom Vater auf den Sohn übertragen, nicht aber die zum Chanson. „Mein ,Asca Rampini‘ hieß Marc Harles, Jazz-Klavierlehrer am Escher Konservatorium. Als ich 16 war, war es für mich eine Schlüsselfigur, die mir die Welt des Jazz eröffnete.“

Jazz vs. Chanson

Nach dem Abitur verschlug es ihn wie eine Reihe von luxemburgischen Jazzmusikern nach Brüssel ins Königliche Konservatorium, wo er u.a. mit Pol Belardi oder Jérôme Klein studierte. Mit diesen habe er auch schon zusammen gespielt. „Es ist ein Pool von gleichen Musikern, die immer wieder zusammenarbeiten. Als ich mit meinem Projekt begann, musste ich mich, psychologisch gesprochen, davon lösen. Ich wollte einen anderen Weg gehen.“

Heute ist er als Musiker in einer Sparte unterwegs, die allgemein als Pop bezeichnet wird. „Die Musik, die ich selber komponiere, hat nicht direkt etwas mit Jazz zu tun, aber ich profitiere von einem Musikwissen, auch wenn meine Musik nicht kompliziert klingt.“ Andrea hat u.a. bereits Werbemusik für Unternehmen und Restaurants geschrieben. Selber singen wollte er lange Zeit nicht: „Ich sah Sänger immer als eine Art Schauspieler an, für mich hatten die nicht die gleiche Integrität wie Musiker. Ich wollte nie Frontmann sein, so wie mein Vater.“ Ebenso wie mit dem Singen hat er mit dem Texten angefangen, als er sein Jazz-Studium abgeschlossen hatte und wieder in Luxemburg war.

Philosoph vs. Pragmatiker

Die Frage, was es für beide bedeutet, Musiker zu sein, beantwortet der Senior auf eine philosophisch-nachdenkliche und der Junior auf eine sehr pragmatische Art. „Musiker ist man nicht, man wird es jeden Tag, so wie du jeden Tag zum Mann oder Liebhaber wirst“, meint der Vater. „Man kann nicht sagen, so, jetzt bin ich Musiker, es ist ein permanenter Prozess.“

Der Sohn hingegen betrachtet die Frage von einem praktischen Standpunkt: „Es gibt viele Arten von Musikern. Was es bedeutet, Musiker zu sein, muss jeder für sich entscheiden. Professionell sein bedeutet nur, dass du davon leben kannst, egal welchen Musikstil du machst, ob Tanzmusik, Lounge-Musik oder ob du Klassik in der Philharmonie spielst. Musiker sein ist ein Handwerk, das man unterhalten muss, so wie der Sportler seine Muskulatur, sonst rostet du ein.“

Vater Julien spricht den Unterschied zwischen einem Musiker aus seiner Jugendzeit und dem von heute an: „Wenn dich damals jemand fragte, was du so machst im Leben, und du antwortetest ,Musiker‘, dann war die nächste Frage: ,Nein, als Beruf?‘ Niemand konnte sich damals vorstellen, dass es einmal professionelle Musiker geben könnte, die waren hierzulande eher selten. Die Qualität der Musiker ist seitdem enorm gestiegen.

Etwas hat sich nicht verändert

Es ist so, als wenn man ein Smartphone von heute mit einem von vor zehn Jahren vergleicht.“ Doch etwas habe sich nicht verändert: „Um ein gutes Lied zu spielen, braucht es immer noch ,three cords and the truth‘ (drei Akkorde und die Wahrheit)“, meint der Senior.

Während der Sohn davon träumt, eine CD herauszugeben mit Liedern in verschiedenen europäischen Sprachen, entpuppt sich der Vater als Nostalgiker: „Mein Traum ist es noch immer, Saxofon zu spielen, wie damals bei Icy Blue.“

Obwohl sie verschiedene Stile bevorzugen, stehen die zwei ab und zu auch gemeinsam auf der Bühne. Voller Bewunderung erzählt der Julien zuerst von den musikalischen Fähigkeiten seines Sohnes, bevor er lachend hinzufügt: „Mit seinem Sohn aufzutreten, hat einen großen Vorteil: Bei vielen Gigs konnte ich die Gage ganz für mich behalten.“

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