Mylène Carrière (34) besucht regelmäßig Gefängnisinsassen, die sonst niemanden haben. Sie ist eine von 40 Mitgliedern der „Association luxembourgeoise des visiteurs de prison“ (ALVP).

Tageblatt: Wie sind Sie zur ALVP gekommen?

Mylène Carrière: Das Milieu der Gefängniswelt kenne ich seit meiner Unizeit als Studentin im Bereich der interkulturellen Vermittlung. Damals haben wir ein Projekt im Frauengefängnis durchgeführt. Diese Frage der Gefangenschaft und wie die Gesellschaft diese Menschen sieht, hat mich schon zu der Zeit interessiert. Eigentlich war ich immer schon in der Zivilgesellschaft engagiert. In Frankreich kannte ich die Vereinigung bereits. Ich habe mich dann erkundigt, ob es sie auch in Luxemburg gibt – und bin fündig geworden.

Sie machen das nun bereits seit acht Jahren.

Die ALVP gibt es seit fast zwölf Jahren. Es geht darum, den inhaftierten Personen moralische Unterstützung anzubieten. Es ist ein Mittel gegen die Isolation. Vor allem für diejenigen, die keine Familie haben oder bei denen sie nicht vorbeikommt. Dadurch behalten sie wenigstens einen Kontakt zur Außenwelt. Wir sollen ihnen mindestens einmal und maximal dreimal pro Monat einen Besuch abstatten.

Wie war es für Sie, als Sie das erste Mal jemanden im Gefängnis besucht haben?

Die Gefängnisatmosphäre mit dem ganzen System mit all den Türen und den Durchsuchungen kannte ich bereits. Ich ziehe gerne den Vergleich, dass es wie ein Blind Date ist, nur im Gefängnis. Hier ist es nicht möglich, einfach zu gehen oder sich mit dem Smartphone abzulenken. Es gibt schon die Unsicherheit, einen völlig Unbekannten zu treffen. Doch die gibt es auf beiden Seiten. Der Häftling weiß auch nicht, was ihn erwartet. Meistens gibt es beim ersten Besuch jedoch keine größeren Probleme.

Können sich die Insassen selbst melden, oder wie läuft die Auswahl ab?

Unser Angebot gilt vor allem für diejenigen, die sonst keine Besuche empfangen. Wenn sie im Gefängnis eintreffen, bekommen sie eine Reihe von Dokumenten, unter denen sich die Infos zur ALVP befinden. Wir arbeiten auch mit dem „Service psycho-socio-éducatif“ (SPSE) zusammen. Die Anfrage kommt also von den Gefängnisinsassen selbst. Wir übernehmen dann die Organisation. Hier in Luxemburg wird zuerst nach der Sprache – wenn möglich nach Muttersprache – ausgewählt.

Vorab bekommen wir nicht viele Informationen über Inhaftierten, und das ist auch gut so. Wir kennen den Vor- und Nachnamen, die Nationalität, das Geburtsdatum und die Muttersprache. Der Häftling hat überhaupt keine Verpflichtung, den Grund für seine Inhaftierung mitzuteilen. Doch wenn man sich die Statistiken anschaut und die Profile jener, die im Gefängnis sitzen, dann gibt es wohl eine 70-prozentige Chance, dass es sich um Rauschgiftdelikte handelt.

Kann sich aus diesen Besuchen eine Freundschaft entwickeln?

Die Beziehung, die sich daraus entwickelt, hängt sehr von der Dauer der Inhaftierung und der jeweiligen Person ab. Wenn man jemanden seit fünf oder zehn Jahren regelmäßig besucht, entsteht fast schon eine familiäre Beziehung. Die Insassen sind zum Zeitpunkt der Begegnung – im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung – sehr verwundbar. Sie sind nicht stolz darauf und wissen, dass sie etwas Falsches getan haben. Es entsteht eine enge Bindung, da ich diese Person bin, die ihnen hilft, bei der sie offen sprechen können. Ich bin zu einem Zeitpunkt da, in dem das Leben für sie nicht leicht ist.

Nehmen Sie auch etwas für sich selbst mit?

Niemand tut das, um sich selbst zu therapieren. Die Inhaftierten sprechen meistens über sich selbst. Doch es bringt mir viel in Sachen Menschlichkeit und ich bin daran gewachsen. Ich habe einiges über andere Menschen und andere Kulturen gelernt. Aber auch darüber, wie es so weit kommen kann. Seit einiger Zeit betrachte ich die Gesellschaft anders, im positiven und negativen Sinne. Wie kann es in einem reichen Land wie Luxemburg Menschen geben, die mit 13 Jahren die Schule abbrechen, ohne dass sich jemand darum kümmert?

Doch auch der Blick auf diese Menschen verändert sich. Sie werden an den Rand gedrängt. Im Gegensatz zu Filmen oder TV-Serien sind 90 Prozent der Insassen ganz normale Menschen. Sie haben vielleicht nur nicht das Glück gehabt, liebende Eltern zu haben oder eine Ausbildung zu bekommen und sind irgendwann in die Illegalität gerutscht.

Ist es für Sie mittlerweile zu einer Verpflichtung geworden?

Nein, überhaupt nicht. Ich gehe mit Freude dahin. Es sind Momente, die ich schätze. Einige kenne ich schon sehr gut, da ist es einfach. Wir unterstützen auch die Neuzugänge unseres Vereins. Wenn sie Sorgen haben, sind wir da. Es kann auch vorkommen, dass der Besucher oder der Gefängnisinsasse nach jemand anders fragt, wenn es menschlich einfach nicht passt. Wir bieten Fortbildungen an und jeder durchläuft einen Ausbildungsprozess. Wir haben eine Versammlung pro Monat, bei der Sachkundige aus diesem Bereich anwesend sind. Dadurch lernen wir dieses ganze Umfeld besser kennen. Denn sobald der Prozess vor der Tür steht, reden die Häftlinge nur noch davon. Das kann psychologisch sehr schwierig für sie sein. Da ist es für uns von Vorteil, wenn wir wissen, wie das System funktioniert.

Sie haben auch politisches Gewicht und konnten verschiedene Forderungen durchsetzen.

Als Vereinigung haben wir Einfluss auf die Besucherbedingungen. Unsere Rolle besteht auch darin, auf politischer Ebene etwas zu verändern: Wir haben erreicht, dass die Besucherzeiten verlängert wurden.

Bei der Planung des neuen Gefängnisses konnten wir Vorschläge unterbreiten. Die Familien sollen schließlich nicht bestraft werden. Eltern und Kinder sollen einen separaten Raum bekommen, um einen privaten Moment zusammen erleben zu können. Heute sieht es noch so aus, dass die Besuche in einem großen Raum mit allen Familien stattfinden. Das Nonplusultra wäre eine Art Wohnung, wie es sie bereits in Frankreich gibt. Hier können Kinder ein ganzes Wochenende mit ihrem Elternteil verbringen. Die Besucherbedingungen haben sich in den letzten zehn Jahren enorm verbessert. Mittlerweile gibt es einen richtigen Besucherempfang. Die Gefängniswärter bemühen sich, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen.

Was sagen Ihre Eltern und Freunde dazu, dass Sie Häftlinge besuchen?

Mein Lebensgefährte hat gar kein Problem damit. Für lange Zeit habe ich in meinem Umfeld nicht viel darüber geredet. Meine Angehörigen hatten zuerst ein paar Ängste, doch jetzt unterstützen sie mich voll und ganz darin.

Ich bekomme immer zweierlei Reaktionen: Die einen finden es ganz toll. Und dann gibt es die anderen, die sagen, dass es diese Menschen nicht verdienen und ich nur meine Zeit verliere. Ich könnte doch etwas für Menschen tun, die es wirklich nötig haben.

Was entgegnen Sie?

Für viele ist das Gefängnis nur ein Mittel zur Bestrafung. Für andere wiederum ist es eine Möglichkeit, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen.

Es ist wichtig, diese Diskussion zu führen. Wir leben in einer Welt, die uns gefährlicher erscheint, als sie wirklich ist. Für mich sind Gefängnisse ein Abbild der Gesellschaft. Sie zeigen, wie ein Land seine Bevölkerung sieht, verwaltet und behandelt. Ich denke, wenn man einen anderen Blick auf diese Menschen wirft, könnte sich dies ändern. So könnte die Anzahl der Rückfälle vielleicht verringert werden.

Es ist schwer für sie, wenn sie ihre Strafe verbüßt haben und trotzdem noch diesen Stempel haben. Schuld daran sind auch Filme und Fernsehen, die nur ein unzureichendes Bild vermitteln.

Sie möchten das ändern.

Oft stellen wir zukünftigen Besuchern die Frage, ob sie denken, dass wir bei der Wiedereingliederung helfen. Viele fühlen sich, als hätten sie keinen Wert.
Es ist ein schwieriger Weg, wieder Selbstvertrauen zu finden oder dass andere ihnen wieder Wertschätzung entgegenbringen. Es ist sehr wichtig für sie, dass jemand da ist, der sagt, dass sie das schaffen können. Es kann helfen, dass sie sich für eine weitere Ausbildung entscheiden oder dazu, einen Entzug zu machen.

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