Die Briten sind dieser Tage nicht zu beneiden. Sie stehen vor einer doppelten Wahl. Unabhängig vom Ausgang wird die Hälfte des Königreiches ihren Traum platzen sehen. Vorrangig entschieden wird am 12. Dezember über das neue Parlament und damit über den Ausgang des Duells Boris Johnson gegen Jeremy Corbyn – was aber allem zugrunde liegt, ist die Entscheidung über den Brexit: Austritt mit Johnsons Deal am 31. Januar oder neuer Deal und neues Referendum unter der Führung von Labour.

Alle Umfragen sehen die Tories vorne. Doch vorne liegen reicht für die Konservativen dieses Mal nicht. Johnson wollte die Neuwahlen um jeden Preis. Um seine Wette jedoch zu gewinnen, benötigt er eine absolute Mehrheit. Verbündete sind den Konservativen nach dem dreieinhalbjährigen politischen Abnutzungskrieg rund um den Brexit keine geblieben. Sogar die DUP, die obskurantistischen Konservativen aus Nordirland, die Theresa May und auch Johnson lange gestützt haben, sind den Tories von Bord gegangen. Die treuen Unionisten fühlten sich von Johnson verraten, da sein Deal Zollkontrollen in der Irischen See vorsieht – für die DUP der Beginn eines Albtraums, an dessen Ende das schweißgebadete Erwachen in einem wiedervereinigten Irland steht. Dann lieber ganz in der Europäischen Union bleiben und alles bleibt beim Alten. Sicher ist sicher.

Alle übrigen Parteien – bis auf die Brexit Party natürlich, die aber kaum eine Rolle spielen dürfte – sehen in der Wahl ihre Chance auf etwas Besseres als Johnsons Deal. Labour, die Liberaldemokraten, die Grünen und die schottischen Nationalisten der SNP haben alle ihre eigenen Vorstellungen, doch auf eines können sie sich einigen: ein zweites Referendum. Nun führen die Tories zwar in allen Umfragen mit Vorsprüngen von bis zu zwölf Prozent, doch das britische Wahlsystem mit den in den Wahlbezirken direkt gewählten Abgeordneten bringt Wahlforscher immer wieder an den Rand des Wahnsinns. Mit ihren Vorhersagen lagen sie bereits mehr als einmal nicht nur knapp daneben.

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Es bleibt demnach spannend. Und noch unentschiedene Briten müssen sich weitere zwei Wochen darüber den Kopf zerbrechen, welchen Paradiesvogel sie als Premier haben wollen: einen Johnson, der dauernd lügt, oder einen Corbyn, der vielen Briten (besonders unter jenen auf dem Land) einfach zu sozialistisch rüberkommt, als sei er aus der Zeit gefallen. Zu Corbyns Glück könnte werden, dass eine Allianz der Progressiven seine Labour-Partei im Fall eines Hung Parliament, wenn keine Partei nach den Wahlen eine stabile Mehrheit haben sollte, unterstützen würde. Dies eher trotz als wegen Corbyn und zuvorderst im Hinblick darauf, Johnsons Konservative Partei und ihre Brexit-Pläne auszubremsen.

Für alle Remainer ist das die große Hoffnung bei den Wahlen am 12. Dezember. Für Europa wäre es eine weitere Geduldsprobe. Der 31. Januar als Austrittstermin wäre hinfällig, eine weitere Verlängerung würde nötig. Dazu wissen alle Briten mittlerweile, dass das Abkommen mit der EU – entgegen allen Aussagen zu Theresa Mays Zeiten – doch verhandelbar ist. Sollte Labour im Auftrag einer progressiven Allianz in Brüssel um die Neuverhandlung einzelner Punkte anfragen, dürfte es Brüssel schwerfallen, ein solches Gesuch zurückzuweisen. Im Brexit-Drama war es zuletzt etwas ruhiger geworden, das könnte sich nach dem 12. Dezember wieder ändern.

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