Luxemburgs frühere Bildungsministerin Mady Delvaux setzt sich als Europaabgeordnete unter anderem für einen intelligenten Umgang mit Robotik und Künstlicher Intelligenz ein. Denn das Thema löst begründete Ängste in der Gesellschaft aus.

„Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz könnte entweder das Schlimmste oder das Beste sein, was den Menschen passiert ist“, sagte Stephen Hawking Ende 2017 auf einer Konferenz in Lissabon. Und genau hier setzt der Vortrag der luxemburgischen EP-Abgeordneten Mady Delvaux am vergangenen Donnerstagabend im Europahaus an. Um das Schlimmste zu verhindern und um das Beste herauszuholen, brauchen Robotik und Künstliche Intelligenz (KI) Normen.

Wer ist verantwortlich, wenn es zu einem Unfall mit einem Roboter kommt? Zum Beispiel bei einem selbstfahrenden Auto. Ist es der Hersteller? Oder die Softwarefirma? Oder der User? Oder die Infrastruktur? Oder gar die Maschine selbst? Es geht also darum, juristische und ethische Implikationen in der Robotik auszuloten. „Meine erste Sorge war, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Und dass die KI dem Menschen nützen wird. Ich habe da diesen humanistischen Anspruch“, so Mady Delvaux. Die EP-Abgeordnete leitete 2015 im Rechtsausschuss des Europaparlaments eine Arbeitsgruppe zu juristischen und ethischen Fragen in der Robotik.

Ängste und Erwartungen

Rund um das Thema Robotik und KI kursieren naturgemäß viele Ängste und Erwartungen in der Gesellschaft. „Es geht darum, diese zu erkennen und in die Diskussion einzubringen“, so Delvaux. „Ich finde, dass das Europaparlament ein Forum ist, um über all diese Fragen zu diskutieren.“ Dabei sollten nicht nur technische und juristische Fragen behandelt werden, sondern ganz konkret die Konsequenzen, die das für die Gesellschaft haben wird. Dazu gehören auch ethische Prinzipien. Einprogrammierte Algorithmen dürfen zum Beispiel niemanden diskriminieren.

Eine weitere Frage, die ständig auftaucht, ist jene, wie es in Zukunft um die Arbeitsplätze stehen wird. Wie viele werden durch die neuen Technologien zerstört werden? Wie viele neue werden dadurch geschaffen? Die Auswirkungen sind laut Delvaux noch nicht wirklich abschätzbar. Doch habe jeder technologische Fortschritt derartige Veränderungen mitgebracht.

Der Bericht von Mady Delvaux ist natürlich EU-zentriert, dennoch muss das Thema global angegangen werden. „Ich will ja nicht sagen, dass wir im Krieg gegen die USA oder China sind“, so die Abgeordnete. Aber bei der KI drehe sich nun mal vieles um Big Data. Und große Datenbanken gibt es keine in der EU. Die sind in den USA und China.

Cyberhacking ist ein großes Problem

Laut neuster verfügbarer Zahlen, in diesem Fall jene aus 2016, hat die EU insgesamt 3 bis 4 Milliarden in die Forschung von KI investiert, wobei die Nummer eins in der EU Großbritannien ist. Und gleich steht der Brexit vor der Tür. In Asien werden schätzungsweise zwischen 8 und 12 Milliarden in die KI-Forschung investiert. Und in den USA 15 bis 22 Milliarden. Und dann gibt es immer wieder nationale Alleingänge innerhalb der EU. „Ich glaube nicht, dass wir so die Schlacht gewinnen können.“

„Jede Technologie wurde entwickelt, um dem Menschen das Leben angenehmer und einfacher zu machen. Wenn wir die KI intelligent benutzen, dann glaube ich, dass das den Menschen nicht nur physisch, sondern auch intellektuell beflügeln kann.“

Für die ehemalige luxemburgische Bildungsministerin ist die größte Herausforderung der KI die Sicherheit. Cyberhacking sei ein großes Problem. Dennoch müsse auch klar sein, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Bislang sei keine Technik entwickelt worden, die das gewährleisten kann. Deshalb muss in der Forschung noch viel gemacht werden. Und sehr viel investiert werden. „Wir konzentrieren uns jetzt auf die Infrastruktur, auf die Netze, da diese das schwächste Element sind“, so Delvaux. Und weiter: „Können wir die User auch erziehen, damit sie sorgfältiger damit umgehen?“ Denn zurzeit tummeln sich alle im Netz: Kinder, Profis, Kriminelle. Und niemand kontrolliert.


„Am Anfang hatte ich keine Ahnung von Robotern“
Interview mit der EP-Abgeordneten Mady Delvaux  über neue Technologien


Tageblatt: Wie kam es dazu, dass Sie sich als Europaabgeordnete verstärkt den Bereichen Robotik und KI zugewendet haben?

Mady Delvaux: Jetzt kommt der Eindruck auf, ich würde nur das machen … Ich bin in der juristischen Kommission, da gibt es viele Dossiers. Im letzten Dossier, an dem ich gearbeitet habe, ging es zum Beispiel um Sammelklagen („Recours collectifs“). Robotik war mein erstes Dossier, und ich muss sagen, es gab noch keinen Bericht, der so dermaßen kommentiert wurde wie dieser. Ich werde immer noch damit identifiziert, obwohl das bereits zwei Jahre her ist.
Wieso ich das gemacht habe? Ich habe es spannend gefunden. Am Anfang hatte ich keine Ahnung von Robotern. Ich habe alles gelernt.

Sie haben in Ihrem Vortrag am 7. Februar gemeint, dass Sie Computerwissenschaften studiert haben.
Ich habe Informatik studiert, aber nicht Robotik. Es geht ein wenig in die Richtung. Es ist ja die Zukunft. Es geht darum, sich vorzustellen, wie die Zukunft funktionieren könnte. Und das finde ich immer spannend.
Es hat mir niemals leidgetan, dass ich so etwas Komisches wie Altphilologie studiert habe. Weil das eine Entfremdung zu allem war. Als ich gut Zeit hatte als Abgeordnete in Luxemburg, habe ich noch Computer Science studiert. Ich habe das zwar nie angewendet, aber ein paar Kenntnisse habe ich da schon.

Sie hatten damals im Rechtsausschuss des EP die Arbeitsgruppe geleitet. Wie ist es dazu gekommen?
Ja, das hat auch damit zu tun. Die Prozeduren im Europaparlament sind ja nicht so einfach. Da haben wir eine Anfrage gestartet, um einen Initiativbericht ins Leben rufen zu dürfen. Das wurde damals auf den Arbeitstitel „Legal and ethical implications“ beschränkt, weil wir die Kommission der Justizfälle („Commission des affaires juridiques“) waren und unsere Kompetenzen sich demnach nicht mit denen anderer überschneiden durften. Zur gleichen Zeit, und weil niemand von uns viel von Robotern verstand, haben wir gesagt, dass man doch auch eine Arbeitsgruppe schaffen sollte. In dieser Arbeitsgruppe hatten wir die Möglichkeit, Experten einzuladen, um Wissen zu erlangen. Das ist toll am EP. Man kann Fachleute aus ganz Europa einladen und die kommen dann auch dahin und erzählen uns alles.

Was ist der aktuelle Stand?
Im Februar 2017 wurde der Bericht abgeschlossen. Das ist eine Aufforderung an die Kommission, aktiv zu werden. Darauf muss die Kommission dann antworten. Und sie hat im Mai 2017 geantwortet. Sie war fast mit allem einverstanden. An der definitiven Antwort würde sie arbeiten. Diese folgte dann im Mai 2018. Da stellte die Kommission eine Strategie vor, in der sie en gros die Hauptpunkte von uns übernommen hat.
Die Kommission hat daraufhin eine Expertengruppe eingesetzt für ethische Richtlinien und hat später eine weitere Expertengruppe gegründet, um alles zu erläutern, was mit Haftung zu tun hat. Und diese letztgenannte Gruppe soll ihre Arbeit im Laufe dieses Jahres abliefern. Im Budget der EU hat sie auch Geld vorgeschlagen, um die Forschung in diesem Bereich weiter zu unterstützen. Dabei hat sie die Cybersicherheit als eine Priorität für die Forschung definiert. Wir bekommen nun Super-Rechner, bislang hatte Europa noch keinen. Diese helfen uns dabei, die Daten besser auszuwerten. Es gibt also Bewegung in der Sache.

Was müsste denn nun unbedingt noch gemacht werden, was nicht vorgesehen ist?
Ich glaube, dass wir erstens mehr an der Standardisierung arbeiten müssten. Weil wir ohne Standards keine Normen festlegen können. Und ohne Normen können wir auch nicht sagen, was wir auf unserem Markt wollen und was nicht. Standardisierung ist etwas, das wir dringend brauchen. Aber die Prozeduren sind sehr langsam, dessen bin ich mir auch bewusst.

Allerdings passiert Standardisierung stets auf internationaler Ebene – wir können keine Standards nur für Europa festlegen. Deshalb sollten wir uns jetzt eine massive Präsenz in diesen Gruppen sichern, damit wir jene Standards, die uns wichtig sind, dort einbringen können. Denn das ist ein kooperatives Modell, bei dem die chinesische und die US-Industrie mitmischen. Da müssen wir aufpassen, dass die europäische Präsenz stark genug ist. Dann bekomme ich gesagt, beruhige dich, wir sind ja dabei … aber das ist nicht sehr transparent.
Und ich würde mir wünschen, dass die nächste Kommission einen Kommissar hätte, der dafür zuständig ist. Weil eines der Probleme jetzt ist, dass das alles verteilt ist. Aktuell ist die bulgarische Kommissarin Mariya Gabriel dafür verantwortlich, davor war es Günther Oettinger oder der Vizepräsident. Dann kommen noch die Juristen ins Spiel. Es gibt ein wahres Kompetenzgerangel. Eine EU-Agentur für Robotik und KI, das hätte ich gerne, das wäre sinnvoll.

 

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here