Wahlabend, Oktober 2018: Vier Personen stehen in den Rotondes bei der CSV-Wahlparty an einem weißen Stehtisch. Sie trinken Bier, beobachten das Geschehen, unterhalten sich. Es sind Patrick Birden, Serge Sandt, Patrick Santer und Frank Engel. Vier Protagonisten des ehemaligen Cercle Joseph Bech, einem legendenreichen Club, der Anfang der Nullerjahre das Establishment der CSV aufwühlte.

An diesem Abend entscheidet sich, dass die CSV ihren Nimbus als ewige Regierungspartei verloren hat. Dass sie nur eine Partei von mehreren ist. Dass sie zum zweiten Mal hintereinander in die Opposition gehen muss. Ein Tiefpunkt in über hundert Jahren christlich-sozialer Parteigeschichte. An diesem Abend entscheidet Frank Engel, dass nun seine Zeit gekommen ist. Dass nun seine Fähigkeiten gefragt sind. Dass die Partei nun in einem Zustand ist, der es ihm erlaubt, nach der Macht zu greifen.

Jenseits von Gut und Böse

Frank Engel ist seit fast zwei Wochen Parteipräsident der Christlich-Sozialen Volkspartei. Bis heute löst allein dieser Satz bei manchen politischen Beobachtern Kopfschütteln aus. Denn bis vor kurzem hatte niemand Engel auf der Rechnung. Er war als EU-Abgeordneter in Brüssel für viele in Vergessenheit geraten. Nur eine Randnotiz der politischen Öffentlichkeit, jemand, der gelegentlich wegen Eskapaden oder Tiraden gegen Viktor Orban Aufmerksamkeit erregte.

Niemand tritt Frank Engel mit der Aussage zu nahe, dass er ein Politiker von zweifelhaftem Ruf ist. Um kaum einen aktuellen Luxemburger Politiker ranken sich so viele Geschichten und Mythen wie um Engel. Oder wie Jean-Claude Juncker einmal sinngemäß gesagt hat: Er stolpert stets über sich selbst.

Dabei ist Engel ein atypischer Politiker. Für Rechte zu links, für Linke zu rechts, für Konservative zu progressiv, für Progressive zu altbacken, für Staatstragende zu unkonventionell. Er lässt sich nicht in eine Schublade stecken, ist schwer zu greifen. Darüber sind sich Gegner wie Freunde einig. Und ebenso einig sind sie sich über zwei weitere Eigenschaften von Engel: Er gilt als außerordentlich intelligent, spricht zehn Sprachen, davon acht fließend, und ist äußerst belesen. „Eine lebendige Enzyklopädie“, so ein CSV-Mitglied.

Doch Engel hat auch eine dunkle Seite. Einen Hang zum Spontanen, zum Risiko. Ihn reizt das Abenteuer, das Exotische. Er ist ein Vabanquespieler, ein Hasardeur, der im Zweifel keine Tabus kennt. Ein Grenzgänger, dessen wahres Refugium die Unordnung ist. Es ist diese Seite, die ihn zu einem mythenreichen Politiker macht. Die ihm Fluch und Segen zugleich ist.

Der linke Agent provocateur

Engel ist ein Kind des Nordens. Er wächst in Diekirch auf als Sohn eines Automobilunternehmers und LSAP-Mitglieds. Engel sucht früh den Zugang zur politischen Welt. Doch anders als man von einem CSV-Präsidenten denken könnte, findet seine politische Sozialisierung im linken Spektrum statt – im tief linken Spektrum. Er tritt als 16-Jähriger Anfang der 1990er in die GAP ein. Die „Gréng Alternativ Partei“ ist die radikale, die fundamentalistische Variante der Grünen, die Ex-Maoisten und Ex-Trotzkisten um sich sammelt.

Doch er spielt damals schon nicht nach den Regeln, entspricht nicht dem Bild eines Linken: Er sieht aus wie ein britischer Tory, mit vergilbtem Sakko, dazu raucht er Pfeife. „Hie war e klengen Alen“, sagt ein früherer Weggefährte von Engel. Rein optisch hat er sich in all den Jahren kaum verändert. Bis auf das ergraute Haar und den leicht erröteten Teint pflegt er den gleichen Look. Heute raucht er E-Zigarette statt Pfeife.

Und Engel war es ein Leichtes, auf sich aufmerksam zu machen und Kontakte zu knüpfen. „Er hatte damals schon ein große Klappe“, sagt ein alter Wegbegleiter. „Aber er konnte Menschen damit beeindrucken und Adepten, um sich sammeln.“ Engel sagt heute, dass ihm dieses linksalternative Milieu stets suspekt war, allerdings war er doch stark vernetzt in diesen Kreisen. Er verkehrt mit Gilbert Grosbusch, der die linksradikale Splittergruppe Antonio Gramsci anführte, sowie Charles Doerner, der – wohl als einziger Luxemburger – Geschäftsbeziehungen mit Nordkorea unterhielt. Als der nordkoreanische Diktator Kim Il-sung im Juli 1994 starb, reiste Engel nach Bern zur nordkoreanischen Botschaft, um dem verstorbenen Diktator die letzte Ehre zu erweisen. „Engel hatte immer eine große Faszination für starke Führungspersönlichkeiten“, sagt ein alter Bekannter.

Der CSV-Plan

Doch wie ist aus dem linken Studenten ein CSV-Mitglied geworden? Wie ist aus dem UNEL-Präsidenten, der in einem Tageblatt-Interview einmal über sich sagte, sein Herz schlage links, ein Politiker der staatstragenden CSV geworden?

Ehemalige Bekannte sagen, es sei Engels Machtinstinkt. Engel wollte nach oben, wollte politische Karriere machen, wenn möglich gar Staatsminister werden. Und im Luxemburg der 1990er Jahre gab es dafür nur eine Partei: die CSV.

Engel hingegen sieht das etwas differenzierter. Als er sich Mitte der 1990er neben Corinne Cahen, David Wagner und Yann Tonnar in vorderster Front am Schülerstreik beteiligte, lernte er den damaligen CSV-Bildungsminister Marc Fischbach kennen. Und Fischbach schien Engel zu beeindrucken. „Er war äußerst fair und argumentierte klug“, so Engel. Fischbach soll Engel für die CSV begeistert haben. Bis heute bezeichnet er Fischbach als seinen Mentor.

Zudem habe der Europagedanke bereits eine große Rolle gespielt. Er bezeichnet die Idee eines starken, geeinten, föderalen Europas jenseits des Nationalstaats als eine zeitlose Konstante seiner politischen Überzeugungen. Und es sei die europäische Christdemokratie gewesen, die Europa gebaut habe, nicht die Liberalen, nicht die Sozialdemokraten, so Engel.

Tatsächlich macht Engel in der CSJ schnell Karriere. Er beteiligt sich an Ausschüssen, erweist sich als kluger Ideengeber. Er wird parlamentarischer Mitarbeiter des EU-Abgeordneten Jacques Santer und später CSV-Fraktionssekretär. Alles läuft nach Plan, der Weg in die Spitze scheint zum Greifen nahe.

Doch mit seiner unkonventionellen Art macht sich Engel in der konservativen CSV nicht nur Freunde. Im Gegenteil. Er eckt an, wird von Kontrahenten ausgebremst. „Er war jemand, der Unordnung stiftete, um daraus Kapital zu schlagen“, sagt ein früherer CSJ-Politiker. Auch Engel sagt über sich selbst. „Ich kann gut Rabatz machen.“ Auch Premierminister Jean-Claude Juncker soll ihm nicht wohlgesonnen gewesen sein. Bei Parteikongressen legte sich Engel offen mit Juncker an, wagte es, ihm zu widersprechen. Dass Frank Engel nie für die Nationalwahlen kandidierte, deuten Journalisten als Junckers Werk. Engel sieht das anders. Juncker habe ihn nur einmal kurz vor den Wahlen 2004 gefragt, ob er für das Parlament kandieren will. „Ich habe Nein gesagt, weil ich keine Chance hatte, gewählt zu werden.“ Daraufhin Juncker: „Das sehe ich auch so.“

Think Frank

Doch zum polarisierenden Bild von Frank Engel gehört vor allem der Cercle Joseph Bech. Engel hat den Cercle 1999 mit Patrick Birden, Serge Sandt, Patrick Santer, Léon Gloden und Marc Rauchs gegründet. Ein Think Tank zum Ideenaustausch, der neben der CSV Impulse geben soll.

Der Cercle wird von Beginn an mit Argwohn betrachtet – insbesondre in der CSV. Denn eine CSV-nahe Struktur außerhalb und damit unabhängig von der Partei wird als Bedrohung wahrgenommen – sowohl von der CSJ als auch von Teilen des politischen Establishments.

Dabei war der Name Joseph Bech bereits ein Affront: Engel und seine Adepten wählten ausgerechnet den Namen des Politikers der früheren Rechtspartei, der die kommunistische Partei 1936 durch das „Maulkorbgesetz“ verbieten wollte. Engel sagt heute, dass der Cercle eigentlich nach Pierre Werner benannt werden sollte. Da Werner aber in dieser Zeit einen Schlaganfall erlitt und sich nicht mehr artikulieren konnte, sah man von dieser Idee ab.
Aber Engel steht nach wie vor zum Namen Joseph Bech. Denn Bech habe später eingesehen, dass sein Handeln 1936 falsch war und sei nach dem Zweiten Weltkrieg einer der Gründerväter der Europäischen Union gewesen. Der Cercle sei im Sinne dieses europäischen Geistes gegründet worden.

Allerdings wird der Cercle bis heute von der Öffentlichkeit als Hort von rechtem Gedankengut gesehen. Das liegt zum einen am breitbeinigen Auftreten von Engel sowie den bierseligen Cercle-Treffen am Stammtisch im George and Dragon. Auch in Sozial-, Verteidigungs- und Klimafragen würde der Cercle heute einer AfD in nichts nachstehen. Doch in vielen politischen und Europafragen waren die Ideen des Cercle äußert progressiv: Territorialreform auf Landesebene, gemeinsamer EU-Haushalt und Finanzpolitik auf europäischer Ebene. Vorstellungen, die auch heute noch zur politischen Avantgarde zählen. Kurz: Auch der Cercle lässt sich nicht pauschal in eine Schublade stecken.

Der Abenteurer

Durch sein Cercle-Netzwerk macht Engel 2005 eine folgenreiche Begegnung. Sein Freund Patrick Santer macht ihn mit Damian Perl bekannt. Perl ist der Vorsitzende eines privaten Militärunternehmens: „Global Strategies Group“. Die Männer verstehen sich und Engel tritt in den Verwaltungsrat der Holding ein, die sich um die Konten des privaten Militärunternehmens kümmert. Es ist die Geschichte, die seit den Artikeln von Reporter.lu in der Öffentlichkeit ist.

Engel hat auf die Fragen zu „Global“ gewartet und reagiert gelassen. Er habe sich nichts vorzuwerfen, nur dass er nicht schon früher ausgetreten sei. Er habe sich nur um finanzielle Fragen gekümmert, nicht um das operative Geschäft. Dafür habe er rund 1.100 Euro monatlich erhalten, das war’s. Engel hat also lediglich die Arbeit eines Verwalters übernommen. Er hat gegen Sold die Konten eines Söldnerunternehmens verwaltet. Eine Firma, die sich durch Krieg finanziert. Keine moralischen Bedenken.

Doch Engel reagiert gereizt, wenn man ihn darauf anspricht, ob sein politisches Engagement in Afrika im Zusammenhang mit „Global“ steht. Das sei eine dreiste Unterstellung, gegen die er sich wehre und die jeglicher Faktenlage entbehre. Es klingt wie eine Drohung und es soll auch als solche gedacht sein. Auch die Journalisten von Reporter.lu sind von Engel verbal angegriffen worden. Engel hegt den Verdacht, er sei Opfer eines Komplotts, einer gezielten Attacke gegen seine Person. Es sei kein Zufall, dass gerade jetzt seine Aktivität bei „Global“ thematisiert wurde, obwohl er sie seit Jahren auf seiner Homepage beim Europaparlament angibt.

Doch so schnell Engel sich echauffiert, so schnell gewinnt er wieder Fasson. Er wolle jetzt nicht wie Victor Orban klingen, die Presse soll ihre Arbeit machen. Er stehe für Pressefreiheit. Auf die Frage, wie er nun sein Lebensunterhalt finanziere, sagt er: „Also mit Sicherheitsfirmen wohl kaum, das scheint nicht so gut anzukommen.“
Tatsächlich hat Engel Dutzende Reisen in Krisengebiete unternommen. In die Zentralafrikanische Republik, nach Mauretanien oder auch in die Republik Bergkarabach im Kaukasus. Es sind Räume ohne geordnete Struktur, ohne funktionierenden Staat. Engel zieht es in solche ungeordnete Gebiete. Aus Abenteuerlust, aus Reiz am Nervenkitzel, wie manche sagen. Aber auch, weil er seine Fachkenntnisse in den Dienst dieser Menschen stellen will. Er sieht sich selbst als Verteidiger des Rechtsstaats und der unveräußerlichen Menschenrechte.

Nun nimmt er sich die krisengeplagte CSV ins Visier. Auch die große Luxemburger Volkspartei ist gerade ungeordnet, muss stabilisiert werden. Und es sind wohl Engels Fähigkeiten als Krisenmanager, die ihm die nötige Stimmen gegenüber Serge Wilmes brachten. Er hat sich der richtigen Sprache bedient und vor allem bei CSV-Nostalgikern gepunktet. Make CSV great again. Die CSV wieder groß machen. Und sich dabei sämtliche Machtoptionen offen lassen – im Zweifelsfall auch eine Dreierkoalition mit den Piraten.
Es ist diese Portion Machiavellismus, gepaart mit einer Rhetorik, die an Jean-Claude Juncker erinnert, die aus Frank Engel als Parteipräsident ein Experiment mit ungewissem Ausgang macht. Unter Journalisten und Politikern laufen Wetten, er würde es kaum sechs Monate aushalten, bevor er über sich selbst stolpert. Fest steht: Mit Engel bewegt sich die CSV auf einem unsicheren Weg.

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