Seine Kunstfigur “Tintin” wurde bekannter als er. 250 Millionen Alben wurden davon verkauft, übersetzt wurden seine Geschichten in 120 Sprachen. Eine Ausstellung im grenznahen Manderen zeigt das Leben und Werk von Georges Remi alias Hergé, wobei die Schattenseiten aber ausgespart bleiben.

Aller Anfang ist schwer. Auch Georges Remi alias Hergé musste diese Erfahrung machen. Schon als Kind habe er stets nur gezeichnet, doch mit mäßigem Erfolg, wie man in der ihm gewidmeten Ausstellung im Schloss Malbrouck erfährt. Als ein Schulkamerad eine seiner Zeichnungen einem Lehrer zeigte, meinte der nur: “Il faudra trouver autre chose pour se faire remarquer.” Dass er anfangs nicht gut zeichnen konnte, gab Hergé zu. Nur mit Beharrlichkeit ist etwas aus ihm geworden. “Der Mensch muss nur ganz fest an seine Träume glauben und schon werden sie wahr.”

Aussagen von Zeitgenossen zufolge hat Hergé das Genre der BD (“Bande dessinée”) revolutioniert und auf den Rang einer Literaturgattung gehoben. Ob das nun stimmt, steht auf einem anderen Blatt, doch populär bleiben seine Geschichten allemal: 250 Millionen verkaufte Alben in 120 Sprachen sprechen für sich. Seine Popularität ist neben den Themen auch seinen Zeichenstil geschuldet, der mit “ligne claire” bezeichnet wird: eine klare Linie ohne Schattierungen. Hergé war übrigens einer der ersten Zeichner, der Sprechblasen in europäischen Comics einführte.

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Im Hof der Burg Malbrouck aus dem 15. Jahrhundert empfängt eine Kopie eines der emblematischsten Objekte aus Tintins Abenteuern die Besucher: die rot-weiße Mondrakete. In einem der Säle der mittelalterlichen Burg ist sie ein zweites Mal zu sehen. Die Ausstellung über den genialen Zeichner ist durch die ganze Burg verstreut, sodass der Besucher diese gleich mitentdeckt.

Obwohl Hergé neben Tintin auch noch andere BD-Reihen erschaffen hat – “Stups und Steppke”, eine Serie über zwei Brüsseler Lausbuben, und “Jo, Zette et Jocko” –, dreht sich die Ausstellung hauptsächlich um Tintin, denn wie Hergé selbst sagte: “Tintin, c’est moi.” Ausgestellt sind Notizen und Fotografien, an denen sich Hergé inspirierte, sowie eine Menge Zeichnungen, die unter anderem die Entwicklung von einzelnen Tintin-Seiten illustrieren. Die ersten Abenteuer von Tintin bezeichnete er später in einem Interview als Spaß und Farce – etwa untertrieben in Anbetracht des Rassismus in “Tintin au Congo”, des Antikommunismus in “Tintin au pays des Soviets” und des Antisemitismus in “L’étoile mystérieuse” (erste Ausgabe).

Erst die Begegnung mit Zhang Chongren – einem chinesischen Bildhauer-Studenten der Brüsseler “Académie des Beaux-Arts” – anlässlich der Arbeit am Band “Le Lotus bleu” änderte seine Arbeits- und Sichtweise, und führte dazu, dass er die Hintergründe seiner Geschichten besser recherchierte. Zhang riet ihm zu einer besseren Recherche, um Klischees zu vermeiden, wie etwa in den vorigen Kongo- und Amerika-Geschichten. Hergé folgte dem Rat. Später verewigte er Zhang – die beiden wurden zu Freunden – in “Le Lotus bleu” und “Tintin au Tibet”. Letzteres wird übrigens als das persönlichste Album angesehen. Hergé befand sich zu der Zeit (1959) in einer seelischen Krise. Die Geschichte wird heute als Buch über die Treue und Freundschaft angesehen.

Zu seinem Verhältnis zu seinen Figuren sagte Hergé: “Es gibt vieles, das meine Assistenten besser können als ich, doch Tintin und Co. mit Leben füllen, das kann nur ich, denn sie sind ich.” Um seinen Helden Tintin zu verstehen, muss man allerdings einige Eckpunkte aus Hergés Leben kennen.

Georges Remi, 1907 in Brüssel geboren, wuchs in einem katholischen Milieu auf. Sehr beeinflusst wurden sein Leben und sein Werk von seinem Engagement bei den Pfadfindern. Seine erste Zeichengeschichte hieß “Les Aventures de Totor”, die er für das Pfadfindermagazin Le Boy-scout belge malte. Aus Totor entwickelte sich im Laufe der Zeit Tintin. 1925 trat Hergé seine Arbeit in der Abo-Abteilung der Zeitung Le XXe siècle an, die vom Priester Norbert Wallez, einem späteren Nazi-Kollaborateur, geleitet wurde und als Sprachrohr der belgischen nationalistischen Rechten galt. Drei Jahre später wurde er Chefredakteur der neuen Kinderbeilage Le petit XXe.

1929 erschien dort “Tintin au pays des Soviets”. Im Zweiten Weltkrieg wurde Le XXe siècle von den deutschen Besatzern geschlossen und Hergé wechselte 1940 zum Le Soir, damals ein Propagandablatt der Nazis. Auch pflegte er gute Kontakte zu belgischen Rechtsextremisten wie Léon Degrelle. Über diesen Teil seines Lebens schweigt die Ausstellung allerdings. Nach der Befreiung wurde Hergé der Kollaboration beschuldigt, kam aber mit einem zweijährigen Berufsverbot davon. Immerhin hatte er sich strikt dagegen gewehrt, dass Degrelle Tintin für seine Propaganda verwendete.

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