Flamigel gegen Verbrennungen haben auch in Luxemburg viele Menschen in ihrer Hausapotheke. Entwickelt und verkauft wird das Produkt von einem Unternehmen, das seinen Sitz in Esch/Alzette hat und 17 Mitarbeiter beschäftigt.

„Begonnen hatte alles mit einem Unfall während einer Familienfeier vor mehr als 20 Jahren, in Antwerpen. Die einjährige Tochter eines engen Freundes zog versehentlich am Kabel einer Fritteuse, die gefüllt mit heißem Speisefett war“, erzählt Philippe Sollie, studierter Apotheker gegenüber dem Tageblatt. Das kleine Mädchen wurde mit heißem Fett übergossen und erlitt schwere Verbrennungen.

Bei der Behandlung des Kindes „stießen die behandelten Ärzte dann auf ein Problem“, so Philippe Sollie. Wie es damals Standard war, sei das kleine Mädchen mit Medizinprodukten auf Basis von Silber behandelt worden. „Darauf reagierte sie jedoch allergisch und andere Alternativen waren zu diesem Zeitpunkt keine verfügbar.“ Philippe Sollie trat daraufhin mit dem Verbrennungszentrum und dem zuständigen Doktor in Kontakt. „Ich wollte dem Mädchen helfen.“ So begann der Apotheker, in seiner Freizeit ein Produkt ohne Silber zu entwickeln. Mit Erfolg.

Das Besondere an dem entwickelten Wundgel ist, dass es die Haut stimuliert, sich selber zu behandeln und zu heilen. „Es ist keine Homöopathie“, unterstreicht der Belgier. „Es ist klassische Chemie.“ Im Gegensatz zu der damaligen Überzeugung, dass eine Kruste der Wunde beim Heilen helfe, setzt er darauf, die Wunde feucht zu halten. „Wunden heilen nicht wegen der Kruste. Sie heilen sogar schneller, wenn sie feucht bleiben. In der Wüste wächst schließlich auch nichts“, erklärt der Erfinder von Flamigel. „Auch nachdem die Wunden des kleinen Mädchens wieder geheilt waren, arbeiteten wir weiter am Produkt.“ Entstanden ist ein Unternehmen, das heute rund 100 Mitarbeiter beschäftigt und in fünf Ländern durch Niederlassungen präsent ist.

Ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern

Einfach war der Start dennoch nicht. Philippe Sollie hatte ein gut funktionierendes Heilmittel (Flamigel) und Ärzte, die es anwenden wollten. Doch um ein neues Produkt auf den Markt bringen zu können, mussten Registrierungen und Genehmigungen erst eingeholt werden. 2000 gründete er in Belgien ein eigenes Unternehmen: Flen Pharma, heute Flen Health. Er unterzeichnete eine Vertriebsvereinbarung mit UCB und bald wurde Flamigel in Ländern wie Belgien, Griechenland und den Niederlanden angeboten.

Anschließend kam der Konzern Novartis als Vertriebspartner hinzu. Nicht nur europaweit, sondern auch in Saudi-Arabien und China wurde das Gel zur Heilung von Wunden eingesetzt. Heute nutzen zudem Radiotherapiepatienten das Arzneimittel, um strahlenbedingte Hautreaktionen behandeln zu können.

Zum ersten Patent gesellte sich bald ein zweites hinzu: Auch hier steht die Heilung von Wunden im Fokus. Diesmal helfen Enzyme beim Abtöten von Bakterien. Das Produkt Flaminal (in den Varianten „Hydro“ und „Forte“ erhältlich) wurde für den professionellen Gebrauch, also den Einsatz in Krankenhäusern und Verbrennungszentren entwickelt, Flamigel hingegen in erster Linie für den Privatgebrauch. „Ich mag es, neue Produkte zu entwickeln“, sagt der Unternehmensgründer. Für die Herstellung der entwickelten Produkte sowie die gesamte Logistik waren zunächst spezialisierte Firmen zuständig.

Die kritische Masse erreichen

Da Novartis nicht am Vertrieb von Flaminal interessiert war, übernahm Philippe Sollie eigenhändig diesen Bereich in Belgien, Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden. „Ich musste ein eigenes Verkaufsteam aufbauen.“ Erfolg gab es ebenfalls in Australien und im Mittleren Osten. Vor etwas mehr als fünf Jahren verlagerte Sollie die Zentrale seines Unternehmens nach Luxemburg. Zuerst nach Sennigerberg, dann ins House of BioHealth in Esch/Alzette. „Wir waren dort die Allerersten“, erinnert er sich. Hier betreibt seine Firma mittlerweile neben Finanz-, IT- und Export-Funktionen auch den Großteil der eigenen Forschung.

Unter anderem erhielt das Unternehmen vom sogenannten Juncker-Plan Beihilfen zur Entwicklung neuer Produkte. Vier weitere Heilmittel sind bisher hinzugekommen: Extracalm (ein Spray gegen Jucken), Flamiris (zum Reinigen von Wunden), Botop (zur Behandlung der Euterwunden von Milchkühen) sowie F1030 (zur Behandlung der bei Tätowierungen entstandenen Hautreizungen).

„Bei Flen Health dreht sich alles um die Wunde und wie wir diese schnellst- und bestmöglich heilen können. Das ist unser Fokus und darauf konzentrieren wir uns tagtäglich“, fasst Philippe Sollie zusammen. Mittlerweile ist Flen Health nicht mehr der einzige Bewohner des House of BioHealth. „Die Labore unterstützen uns bei der Forschung und zudem ist das Gebäude ein guter Ort für Networking“, findet Philippe Sollie. Rund 20 größere und kleinere Unternehmen aus dem Wissenschafts- und Medizinbereich haben sich in dem auf Biotech spezialisierten Haus niedergelassen. „Irgendwann werden wir die kritische Masse erreichen.“ Das sei aber noch nicht der Fall. Für die einzelnen Unternehmen der Branche ist es wichtig, dass es andere Firmen gibt, mit denen man sich austauschen, Partnerschaften eingehen oder sogar Mitarbeiter aus einem Pool schöpfen kann.

Zukunftsnische für das Land

Das Wirtschaftsministerium, das den Sektor vor zehn Jahren als eine von mehreren Zukunftsnischen für das Land definiert hatte, hat vor kurzem eine Bestandaufnahme dieses Bereiches in Luxemburg gemacht und veröffentlicht (siehe Grafiken). Unter anderem zeigen die Zahlen, dass die Branche im Jahr 2016 für 0,38 Prozent der Wirtschaftsleistung sowie die Schaffung von rund 1.600 Arbeitsplätzen zuständig war.

Zur Unterstützung und Begleitung des Sektors wurde innerhalb der Agentur Luxinnovation (mittlerweile mit Sitz in Esch-Belval) ein Bio-Health-Cluster gegründet. Philippe Sollie, der selber über Luxinnovation erstmal mit dem Großherzogtum in Kontakt gekommen ist, ist heute Präsident des Clusters. „Ich versuche, neue, zusätzliche Unternehmen ins Land zu bringen“, blickt der Firmengründer in die Zukunft. „Wegen seiner kurzen Wege ist Luxemburg ein gutes Pflaster für dieses Geschäft. Es gibt eine klare Vision: Man will weiter expandieren. Konkrete Hilfen gibt es auch. Zudem kommt ein spezialisierter Firmeninkubator.“

Philippe Sollie hat noch viel mit seiner Firma vor. „Wir wollen weiterwachsen und neue Produkte entwickeln.“ Die gesetzten Ziele seien jedoch nicht geschäftlicher Natur. „Wir treten mit Ärzten und Patienten in Kontakt, um ihnen zuzuhören und Probleme definieren zu können.“ In Frankreich und Spanien arbeitet Flen Health bereits mit Universitäten zusammen. Mit der Universität Luxemburg ist bis dato keine Zusammenarbeit zustande gekommen, da hier keine Spezialisierung auf dem Fachgebiet der Dermatologie besteht. An Kooperationen mit luxemburgischen Partnern auf dem Gebiet der Biotechnologie ist die Firma jedoch immer interessiert.

An Luxemburg formuliert Philippe Sollie konkrete Zukunftswünsche. Dazu zählen: mehr PhD-Studenten an Universitäten, mehr Forschung innerhalb der Krankenhäuser und den Ärzten mehr Zeit für Forschung zur Verfügung stellen. Zudem beklagt er, wie Vertreter vieler anderer Wirtschaftssektoren auch, dass es am Finanzplatz Luxemburg sehr schwierig ist, Risikokapital für neue Projekte oder Start-ups zu finden. Bessere Zugverbindungen nach Frankfurt und Brüssel würden dem Standort ebenfalls guttun.

Gilt noch zu erwähnen, dass das aus einem Unfall geborene Unternehmen „in jedem Jahr schwarze Zahlen geschrieben hat“, wie der Gründer erklärt. „Wir haben immer mit dem gelebt, was wir verdient haben. Durch Vertriebspartner anderer Pharma-Unternehmen waren wir von Anfang an finanziell unabhängig.“

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