Wer einen Begriff auf der luxemburgischen Wikipedia nachschlägt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Artikel von ihm lesen. René Beideler hat fast 15.000 Wikipedia-Artikel verfasst – ein Viertel aller Beiträge der freien Enzyklopädie in luxemburgischer Sprache. Warum macht er das? Eine Begegnung.

Er hat anfangs nur gelesen. Artikel über Geschichte und Radsport, aber vor allem über Geografie. Irgendwann ist ihm ein Fehler in einem Text aufgefallen. Er beschloss, ihn zu korrigieren. René Beideler fand Gefallen daran und legte sich ein Profil bei der französischen Wikipedia an, sein Benutzername: “Les Meloures”. Und er begann, eigene Artikel zu verfassen, “Aufsätze”, wie er die Texte bezeichnet. Als ein Bekannter, der User Pecalux, ihn in einem Verein in Küntzig auf die neue luxemburgische Wikipedia ansprach, beschloss er, ein Teil davon zu werden.

Seither sind 13 Jahre vergangen. Und René Beideler hat 14.183 Artikel verfasst. Rund ein Viertel aller Beiträge, die auf der luxemburgischen Wikipedia zu finden sind. Täglich werden es mehr. “Das sollte man nicht überbewerten”, so Beideler. Viele der “Aufsätze” bestehen nur aus wenigen Sätzen, andere sind nach einem gewissen Muster verfasst, sodass sie sich schnell reproduzieren lassen. Dennoch hat Beideler seit 2006 geschätzt fünf bis sechs Stunden täglich an seinem Rechner verbracht, um das Wissen der Welt auf Luxemburgisch ins Netz zu setzen. Geld hat er dafür nicht erhalten. Öffentliche Anerkennung auch nicht, die Wikipedianer arbeiten unter Pseudonym. Warum macht er das also? Was ist sein Antrieb?

Radfahren mit Jean Asselborn

“Eigentlich”, sagt René Beideler, “würde ich lieber mit Jang Asselborn durch die Alpen Rad fahren.” Der Außenminister ist ein alter Schulkollege. Doch Beideler zuckt mit den Schultern, der Blick geht nach unten zu seinen Beinen. “Aber seit dem Unfall ist das ja nicht mehr möglich.” Vor mehr als 30 Jahren musste Beideler das Radfahren aufgeben. Ein privater Unfall erschwert ihm seither das Gehen. Auch seinen Beruf als Förster in Düdelingen musste er gegen einen Bürojob tauschen. “Ich bin jemand, der gerne mit seinen Händen tüftelt und sich im Freien bewegt”, sagt Beideler. “Die neue Situation fiel mir deshalb schwer.”

Die Liebe zum Schreiben kam erst Jahre später. Er habe viel gelesen, sich grundsätzlich für seine Umwelt interessiert und eine Schwäche für Allgemeinwissen entwickelt. Einen genauen Grund, weshalb er nun seit 13 Jahren so akribisch als Wikipedianer arbeitet, kann er nicht nennen. Altruismus spielt sicher eine Rolle. Der Gesellschaft etwas mitgeben, sein Engagement in den Dienst der Aufklärung stellen. Auch Teil eines großen Projekts zu sein, spielt wohl eine Rolle. Immerhin ist die Wikipedia weltweit die führende Enzyklopädie. Sie hat sämtliche Nachschlagwerke verdrängt: Brockhaus, Britannica, Larousse. Die Anfangsskepsis von Wissenschaftlern gegenüber der sich selbst kontrollierenden Wissensplattform ist längst verflogen. Heute schlägt jeder bei Wikipedia schnell einen Begriff nach. Niemand kommt an ihr vorbei.

Doch die Arbeit als Wikipedianer hat auch eine soziale Komponente. Denn die Mitglieder sind eine Community, eine Gemeinschaft. Der enge Kreis der luxemburgischen Wikipedianer ist dabei nicht sonderlich groß. Aktuell zählt die Gemeinschaft 21 aktive Mitglieder, die auch Teil des Wikimedia-Vereins sind. Sie heißen “Cornischong”, “Briséis”, “Johnny Chicago” oder “Zinneke”. Es sind Studenten, Beamte, Juristen, Elektriker, Lehrer. Der Vorwurf, es würden nur alte weiße Männer die Wikipedia mit Wissen speisen, trifft für Luxemburg jedenfalls nicht zu. “Ich bin eher eine Ausnahme”, sagt Beideler. Tatsächlich sind es jedoch deutlich mehr Männer als Frauen.

Luxemburgisch als Herausforderung

Der jüngste Wikipedianer ist mit 25 Jahren der User “Soued031”. Er ist 2008 hinzugestoßen. “Soued wollte Luxemburgisch lernen”, sagt Beideler. Als Nicht-Muttersprachler sei ihm das Luxemburgische schwergefallen, er wollte sich keine Blöße mehr gegenüber seinen Schulkollegen geben. Wikipedia war damals eines der wenigen Medien, die Informationen auf Luxemburgisch anboten. Mittlerweile hat Soued rund 120 eigene Artikel verfasst, seine Kenntnisse der luxemburgischen Sprache gelten als perfekt. Sie sind so gut, dass er zu einem wesentlichen Teil verantwortlich ist für den Orthografie-Algorithmus der Online-Sprachhilfe spellchecker.lu.

Tatsächlich zählt zu den Herausforderungen der luxemburgischen Wikipedia nicht nur die Wissensakkumulation, sondern auch die Sprache. “Ich war anfangs nicht sattelfest”, sagt Beideler. Also kaufte er sich drei Orthografie-Bücher und paukte die Regeln. Mittlerweile gilt er als Experte. Er korrigiert nahezu alle Artikel, die von aktiven Mitgliedern oder anonymen Usern angelegt werden. Rund 180.000 Änderungen hat er in Beiträgen vorgenommen, größtenteils Rechtschreibfehler. Dabei helfen ihm algorithmische Bots, die gängige Fehler systematisch korrigieren.

“Luxemburgisch ist auch nur eine Sprache”, sagt Beideler. Sie hat Eigenarten, die es zu berücksichtigen gilt, aber die Regeln sind nicht komplizierter als bei anderen Sprachen. Beideler bedauert, dass die Luxemburger so nachlässig im Umgang mit der Rechtschreibung der eigenen Sprache umgehen. Auch der Dienst an der Sprache ist ihm Motivation, ehrenamtlich an der Wikipedia mitzuarbeiten. Doch wie kontrollieren die wenigen Wikipedianer, dass die Qualität der Beiträge auch dem Anspruch einer Enzyklopädie gerecht wird? Immerhin sind es nur wenige aktive Schreiber und keine Fachexperten, die das Wissen der Welt verwalten müssen.

“Klar ist das eine Herausforderung”, sagt Beideler. Manche Artikel sind Übersetzungen, das Wissen wird somit nur transferiert. Die Qualitätskontrolle beruht auf der Vorarbeit der deutschen, englischen oder französischen Wikipedia. Aber ein Großteil der rund 55.000 Artikel behandelt Luxemburg-spezifische Inhalte. Hier müssen die Luxemburger Wikipedianer ihr eigenes Korrektiv sein. “Wir haben klare Vorgaben, sowohl was Stil als auch Form angeht”, so Beideler. Wer sich nicht daran hält, wird darauf hingewiesen. Das könne durchaus zu langen Debatten führen. Und im ungünstigsten Fall auch zu Streit. “Das kommt leider vor. Aber wenn wir anfangen, Fakten zu verhandeln und zu nachgiebig mit den eigenen Regeln sind, können wir es auch gleich sein lassen.”

Und so wird “Les Meloures” auch in Zukunft seine fünf bis sechs Stunden täglich aufbringen, um an der Enzyklopädie zu arbeiten. Es sei denn sein alter Schulkamerad Jean Asselborn sollte vorbeikommen. Dann würde er den Rechner ausnahmsweise nicht hochfahren.

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