Ob Maurer oder Klempner, Kellner oder Köche, Busfahrer oder Ärzte: Auf dem Balkan werden die Fachkräfte knapp. Ihre verstärkte Emigration macht nicht nur Arbeitgebern zu schaffen, auch die zurückgebliebenen Landsleute bekommen sie zu spüren.

Von unserem Korrespondenten Thomas Roser, Belgrad/Zagreb

Immer am Meer entlang mit Blick auf die von Bergen umsäumten Fluten der Kvarner Bucht: Selbst für malerische Routen finden sich in Kroatien keine Fahrer mehr. Wegen Personalmangel haben die kommunalen Verkehrsbetriebe „KD Autotrolej“ in Rijeka ab 4.Februar eine drastische Ausdünnung der Zahl der Busverbindungen von der Hafenstadt ins 20 Kilometer entfernten Touristenmekka Opatija angekündigt.

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Mit ihrem Problem steht die Küstenstadt in der Region keineswegs allein da: Die Emigration junger Arbeitskräfte nach West- und Nordeuropa sorgt in den ex-jugoslawischen Staaten zunehmend für Engpässe auf dem Arbeitsmarkt – und macht nicht nur Arbeitgebern zu schaffen.

Mehr als 300.00 Auswanderer

Auch in Serbiens Hauptstadt Belgrad klagen Pendler über die steigende Zahl ausgefallener Busse, Eigenheimbesitzer über kaum mehr aufzutreibende Handwerker und Patienten über immer vollere Wartezimmer in Gesundheitszentren und Krankenhäusern. Außer im Baugewerbe ist es in Kroatien vor allem der sich verschärfende Mangel an Saisonarbeitskräften wie Kellner, Zimmermädchen und Köchen, die dem Tourismussektor zu schaffen macht. Offiziellen Statistiken zufolge haben den Küstenstaat allein in den ersten drei Jahren nach dem EU-Beitritt 2013 rund 100.000 Menschen verlassen, die tatsächliche Zahl der Auswanderer wird mittlerweile indes auf über 300.000 geschätzt.

Die Abwanderung der Jungen verringert die Geburtenquoten. Selbst bei einer Abschwächung des Exodus dürfte die Einwohnerzahl Kroatien von derzeit offiziell noch 4,1 Millionen Menschen nach Schätzung von Demografen bis 2050 um 800.000 schrumpfen. Im benachbarten EU-Wartesaal sieht es nicht viel besser aus.

Emigration hat wirtschaftliche Gründe

Die Statistiken der Einwohnermeldeämter in Staaten wie Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro oder Serbien erfassen wegen fehlender Abmeldungen oder ausgefallener Volkszählungen das Ausmaß der Abwanderung zwar kaum. Doch die anziehende Nachfrage nach der für eine legale Emigration benötigten Ausstellung polizeilicher Führungszeugnisse oder die rückläufigen Einnahmen der Renten- und Krankenkassen sprechen eine deutliche Sprache: Die Folgen des Aderlasses lassen sich auch von der Politik kaum mehr leugnen.

Es sind vor allem wirtschaftliche Gründe, die junge Familien die Emigrationskoffer packen lassen: Statt 450 Euro im Monat wie im serbischen Belgrad kann ein Busfahrer im Westen leicht das Fünffache verdienen. Doch auch die Perspektivlosigkeit und schwindende Hoffnung auf Veränderung in ihren von Korruption, ethnischen Spannungen, autoritären Tendenzen, Clan- und Parteienwirtschaft geprägten Heimatländern treibt viele Junge dazu, ihr Lebensglück jenseits der eigenen Landesgrenzen zu suchen.

Die nach dem Zerfall des jugoslawischen Vielvölkerreichs geschaffenen Nationalstaaten seien zwar „gut für patriotische Träume, aber keineswegs für das Leben“, ätzt der montenegrinische Schriftsteller Andrej Nikolaidis: „Wir haben die Staaten geschaffen, von denen Generationen unserer Vorväter träumten, aber aus denen die Menschen flüchten.“

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