Der Schock sitzt tief in Brasilien, seit vor zwei Wochen nach einem Dammbruch an einer Eisenerzmine eine Schlammlawine Hunderte Menschen unter sich begrub. Verantwortlich war der Konzern Vale. Nun musste der Luxemburger Stahlgigant ArcelorMittal handeln und mitten in der Nacht 200 Menschen evakuieren – aus Sorge vor einem Dammbruch.

Um vier Uhr in der Früh heulte der Alarm auf. Mitten im brasilianischen „Erz-Viereck“. So wird der Bundesstaat Minas Gerais genannt, der rund 65 Kilometer von Belo Horizonte entfernt liegt. Die Bewohner des Dorfes Pinheiros wurden an diesem Donnerstagmorgen auf jeden Fall von einer Notsirene aus dem Schlaf gerissen.

Wenig später klopfte der Zivilschutz aus dem nahe gelegenen Städtchen Itatiaiuçu an die Türen der 50 Häuser kleinen Gemeinde – zusammen mit Teams von ArcelorMittal. Der Damm, den der Luxemburger Stahlkocher ebenso betreibt wie die nahe gelegene Mine Serra Azul, machte Probleme. Offenbar war Eile geboten, ArcelorMittal musste wohl mit dem Schlimmsten rechnen: dass der Damm, der seit 2012 eigentlich deaktiviert ist, nicht mehr lange hält.

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Erst der Alarm, dann die nächtliche Evakuierung

Die rund 200 Bewohner von Itatiaiuçu hatten nun die traurige Gewissheit: Sie mussten raus aus ihren Häusern. Um vier Uhr nachts, unverzüglich. Würde der Damm brechen, wären die Menschen in akuter Lebensgefahr. Kurz davor war der Damm auf seine Sicherheit hin getestet worden – und durchgefallen. Offenbar derart durchgefallen, dass mitten in der Nacht evakuiert werden musste.

Der Zwischenfall ereignete sich genau 15 Tage, nachdem der Damm an der Mine Córrego do Feijao des brasilianischen Bergbaukonzerns Vale nachgegeben hatte. Ebenfalls im Bundesstaat Minas Gerais. Eine Katastrophe, die das „Erz-Viereck“ weltweit in die Schlagzeilen brachte. Eine Schlammlawine rollte am 25. Januar über Teile der Anlage und benachbarte Siedlungen nahe der Ortschaft Brumadinho hinweg. Sie begrub alles unter sich, was sich in ihrem Weg befand: Menschen, Häuser und Tiere.

Insgesamt ergossen sich rund zwölf Millionen Kubikmeter Schlamm auf eine Fläche von etwa 290 Hektar – das entspricht gut 400 Fußballfeldern. Mindestens 150 Tote wurden bisher geborgen, für mehr als 180 Vermisste gibt es keine Hoffnung mehr. Der verantwortliche Konzern Vale hat mittlerweile die Lizenz für einen wichtigen Damm an seiner größten Eisenerzmine in Brucutu verloren.

Auch der Konzern Vale war gestern erneut für Evakuierungen verantwortlich. Aus Sicherheitsbedenken wurden mehrere Gemeinden rund um weitere Bergwerke der Region evakuiert. Etwa 500 Menschen aus der Ortschaft Barão de Cocais seien demnach in Sicherheit gebracht worden, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Zuvor hatten Prüfer dem Damm der stillgelegten Eisenerzmine Gongo Soca ein Stabilitätszertifikat verweigert. Wie es auch bei dem Damm von ArcelorMittal passiert war. Offenbar musste es erst zu der einen Katastrophe kommen, damit versucht wird, andere zu vermeiden.

ArcelorMittal nennt die Evakuierung von gestern eine Präventivmaßnahme, macht in seiner Pressemeldung keine Zeitangaben. Bei einem Einsatz mitten in der Nacht, wie es brasilianische Medien berichten, könnte auch von einer Notmaßnahme die Rede sein.

Untergebracht wurden die Betroffenen vorerst in einem Hotel in einer nahe gelegenen Stadt. Verletzt wurde niemand. Der Präsident von ArcelorMittal Brasil, Benjamin Baptista, entschuldigte sich unterdessen bei der Gemeinde. Der Rückzug der Bewohner sei die einzig richtige Entscheidung gewesen, sagte er. „Wir werden versuchen, die Menschen so schnell wie möglich in ihre Häuser zurückzubringen, obwohl es zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich ist, zu sagen, wann es so sein wird.“ Wann die Menschen wieder zurückkönnen, wissen sie also nicht. Und es sieht eher nicht danach aus, als könnte das schnell gehen. ArcelorMittal zufolge prüften Experten zurzeit den Zustand des Damms. Er würde so schnell es geht gesichert.

Vor bald 100 Jahren ging die Arbed nach Brasilien

Die ArcelorMittal-Mine Serra Azul, in der einige der nun Evakuierten als Bergleute arbeiten, wie ein ArcelorMittal-Sprecher gegenüber dem Tageblatt erklärte, liegt auf rund 1.200 Metern. Was einmal dichter Wald war, ist mittlerweile eine Mondlandschaft. Umgeformt durch Sprengungen und Tagebau. Seit 1974 wird hier Eisenerz abgebaut. Nach diversen Eigentümerwechseln kaufte ArcelorMittal die „Blaue Mine“, die Serra Azul, im Jahr 2008. Das Eisenerz, das hier aus dem Stein gesprengt wird, ist für den europäischen Markt bestimmt.

Im Jahr 1921 wagte sich die damalige Arbed in das Abenteuer Brasilien und baute in dem größten Land Südamerikas die Stahlindustrie auf. „Arbed war der Pionier, der die Stahlindustrie nach Südamerika brachte“, erklärte die luxemburgische Zeithistorikerin Dominique Santana gegenüber dem Tageblatt. Aus der Arbed wurde Arcelor und aus Arcelor ArcelorMittal. Die Beziehung ist eine besondere geblieben. Auch heute schlägt das Herz des Stahlkonzerns in Brasilien, das nach Australien über die weltweit größten Reserven an Roheisenerz verfügt.

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