Jagdgeschwader

Der Bentley Continental GT schwebt wie ein Spitfire, hat aber vier Räder, die ihn standesgemäß auf den Boden bringen. Marc Schonckert im Banne des ganz besonderen Luxus.

Ein leichter Nebel erhob sich aus dem Bett der Themse, die in sanften Windungen nach Windsor und Eton dahinplätscherte, etwas weiter an Twickenham und Richmond vorbei und von da nach London hinein, an Westminster vorbei Richtung Tower Bridge und Dartford und von da ins Meer, wo sie ihre gelbbraune Farbe wieder ablegte, die sie sich an den verschmutzten Ufern der Docks im East End geholt hatte. Wir bogen ein in die High Street von Hurley-onThames und Oma mit den Springerstiefeln zitterte fast vor Aufregung, als das Schild aus dem Dunkeln auftauchte und dann das alte Gebäude aus Holz und Ziegelsteinen, wie man sie in jedem Dorf in der englischen Provinz findet, nur dieses hier war etwas ganz Besonderes.

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„Ye Olde Bell“, ein Hotel mit Pub und angeblich das älteste Hotel Großbritanniens, wie mir Oma erklärte. „Hier traf ich mich immer mit Stuart, wenn er mal wieder in Biggin Hill über die Mauer war. Er blieb immer bis zum Morgengrauen, dann musste er wieder zu seiner Staffel zurück. Eines Tages lieh er sich heimlich eine Lysander aus, aber die Tankanzeige war defekt und er hätte es fast zurück geschafft, aber dann klemmte das Seitenruder und so endete der letzte Flug von Flight Lt. Stuart. Junge, er wäre so stolz gewesen, mich heute mit diesem Auto zu sehen.“ Oma konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken, während ich den Bentley Continental GT auf den Parkplatz fuhr.

In 3,7 Sekunden von null auf hundert

Früher fuhren die Jungs von der RAF offene Sportwagen, auch Bentleys, es waren harte, aber lebenslustige Kerle, die einfach den Kick des Risikos brauchten. Den würden sie auch beim neuen Continental GT kriegen, allein der Klang des 6-Liter-12-Zylinders würde einem Merlin-Motor zur Ehre gereichen und mit seiner Kraft von 635 PS hätte man auch einen Spitfire mühelos in die Luft gekriegt.

Im Gegensatz zum Jagdflieger kann man den Continental GT aber auch sanft und friedlich durch die Gegend schweben lassen, dann werden sogar sechs Zylinder abgeschaltet, wenn seine Lordschaft gelangweilt seine Ländereien umfährt, um nachzusehen, ob man den Jagdpavillon am westlichen Rand des Geländes denn auch wieder aufgebaut und wohnhaft gemacht hat, nachdem der jüngste Spross der Familie dort seinen Junggesellenabschied gefeiert hatte, wobei eine Dame mit ihrem Kleid dem offenen Feuer zu nahe gekommen war, ihren Drink fallen ließ, der dann auch Feuer fing, das sich bis zu den Gardinen ausweitete und dann auf die Holztäfelung der Bibliothek übergriff, während die restlichen Gäste emsig zu ihren Handys griffen, um Fotos dieser willkommenen Abwechslung zu machen, anstatt die Feuerwehr zu rufen.

Der Graf könnte es aber auch schneller angehen lassen und sich auf der M4 oder sonst wo austoben, denn der Continental GT sprintet in 3,7 Sekunden von null auf hundert und läuft entspannt 330 km/h, hier müssen dann alle 12 Zylinder ran. Dank variablen Allradantriebs (nur im Fahrmodus-Sport geht’s voll auf die Hinterachse) darf es auch schon mal etwas unwegsamer sein, doch man will nicht übertreiben, dafür hat man ja einen Range Rover auf dem Hof.

Ein Wort zum Design und zum Interieur. „Naja, man nimmt ,was man kriegt“, murmelt der Lord. „Sieht alles sehr nobel und elegant aus, aber man stellt ja keine hohen Ansprüche, nicht wahr?“ Oma meint, den GT kann man auch genießen, ohne ihn zu fahren, und sie hat natürlich recht. Stuart wäre stolz auf sie gewesen.

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