ÜBERSYREN Vogelberingungsstation “Schlammwiss” wird 50

Vor 50 Jahren hat Jim Schmitz in Übersyren ein Hektar Schilf entdeckt. Heute befindet sich dort, gleich neben dem Fußballplatz, ein 375 Hektar großes Feuchtgebiet, auf dem 87 verschiedene Vogelarten brüten. Ein Besuch auf der Vogelberingungsstation „Schlammwiss“.

Wie auf Safari fährt Jim Schmitz in seinem mausgrauen Range Rover durch das Feuchtgebiet „Schlammwiss“ in Übersyren. Der 71-Jährige trägt Camouflage-Klamotten und ein Tuch um seinen Hals. Plötzlich legt er eine Vollbremsung ein. Er greift nach dem Fernglas, das an seinem Nacken baumelt. Konzentriert sieht er durch das Fernglas in das Schilf neben dem Wagen: „Ein Grünspecht“, schmunzelt er. Eigentlich hatte er gehofft, den jungen Kuckuck zu sehen, der seit Neustem auf der Schlammwiss „klunscht“, wie er es nennt. „Dem schaue ich immer gerne zu.“

Die Vogelberingungsstation ist sein zweites Zuhause. Man könnte sogar sagen, er ist mit ihr erwachsen geworden. Die Schlammwiss feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag und der heute 71-Jährige ist von Anfang an mit dabei gewesen. Als junger Vogelnarr, der bereits Erfahrung auf ausländischen Beringungsstationen gesammelt hatte, findet er 1969 ein Hektar Schilf in Übersyren – das erste Hektar des heute 375 Hektar großen Feuchtgebiets mit Beringungsstation.

Anzeige

„Schilf ist ein wichtiges Biotop für Vögel. Darin leben Arten, die es nirgendwo anders gibt“, sagt Schmitz. In Luxemburg gebe es insgesamt nur 100 Hektar der wertvollen Pflanzenart.

Ausgestattet mit einem Netz und ein paar Stangen, beginnt Jim Schmitz damals, zusammen mit ein paar Freunden die ersten Vögel in Luxemburg zu beringen. Aus der Bewegung heraus entsteht die „Association de la jeunesse luxembourgeoise pour la conservation de la nature“, aus der später „Jeunes et environnement“ und anschließend der „Mouvement écologique“ wird.

Ursprung des Naturschutzes

Jim Schmitz tritt dem „Vulleschutz“ bei, der damals nur 2.000 Mitglieder zählt. „Den haben wir erst einmal ordentlich gepimpt“, sagt er heute stolz, nachdem er jahrelang Generalsekretär der Organisation war. Aus 2.000 werden 15.000 Mitglieder. Die „Natur- a Vulleschutzliga“ gründet die Stiftung „Hëllef fir d’Natur“, die zum Ziel hat, Grundstücke zu kaufen, um praktischen Naturschutz in die Tat umzusetzen – und die Schlammwiss wächst. „Hëllef fir d’Natur“ bekommt nach dem Roten Kreuz als erste NGO die Genehmigung, dass Spender das gespendete Geld von der Steuer absetzen können. „Als ich das alles Revue passieren ließ, wurde mir klar, dass der ganze Naturschutz hier im Land aus der Beringung heraus entstanden ist“, sagt der 71-Jährige.

Am Montagmorgen sind bereits vier junge Studenten fleißig bei der Arbeit. Sie sitzen in einem Container mitten in der Wiese. Merit Finia Pokriefke, Charel Klein, Kevin Kohn und Manuel Ewen sind nur ein paar von vielen Jugendlichen, die es in den letzten Jahren vermehrt in die Station gezogen hat. Insgesamt helfen dort rund 50 Freiwillige. „Ich merke schon, dass das Interesse immer größer wird, weil auch das Interesse für die Natur steigt“, sagt Jim Schmitz, der sich gerne von der Jugend mitreißen lässt. Viele Studenten nutzen die Forschung auf der Schlammwiss für ihre Bachelor-, Master- oder sogar Doktorarbeit.

Merit Finia Pokriefke ist eine von ihnen. Sie studiert im Master „Wildlife Ecology and Wildlife Management“ an der Universität für Bodenkultur in Wien und analysiert derzeit, ob und wie viel die Vögel während ihres Aufenthalts im luxemburgischen Feuchtgebiet an Gewicht zunehmen. Ihre These: Den Tieren geht es auf der Schlammwiss so gut, dass sie dorthin kommen, um sich von Strapazen zu erholen und wertvolle Fettreserven für lange Flüge anzulegen. Und Tatsächlich scheinen sich die Vögel in Übersyren außerordentlich wohlzufühlen: „25 Prozent der Vögel sind schon einmal von uns eingefangen worden“, sagt Schmitz. Das sei Wahnsinn, meint er, denn bei anderen Beringungsstationen sei vielleicht einer von tausend ein bekannter Schnabel.

Um sie zu beringen, werden die Vögel zuerst mit einem im Feuchtgebiet gespannten Netz eingefangen. „Sie fliegen rein und bleiben dann hängen, wie in einer Hängematte“, sagt der 27-jährige Ornithologe Charel Klein. Die Netze werden spätestens jede Stunde von den Freiwilligen kontrolliert. Dann kommen die Tiere in ein Stoffsäckchen. „Sobald es dunkel ist, sind sie in der Regel ruhig“, sagt Klein, der seit acht Jahren Vögel auf der Schlammwiss beringt. Dass er bereits ein Gefühl dafür entwickelt hat, wie er die fragilen Tiere am besten anpackt, ist ihm anzusehen, als er eine Blaumeise aus dem Stoffsäckchen nimmt. „Das ist gar nicht so einfach“, sagt Kevin Kohn, der seit vier Jahren dabei ist und ihm gegenübersitzt. „Am Anfang muss man erst herausfinden, wie weit man gehen kann, bis man dem Vogel wehtut“, sagt er.

Klein jedenfalls schnappt sich den Piepmatz, als hätte er nie etwas anderes getan. Er hält das Köpfchen zwischen Zeige- und Mittelfinger, im sogenannten „Beringergriff“. Dadurch kann der Vogel atmen, ist aber trotzdem fixiert. Gekonnt dreht er ihn um und legt ihm mit einer Beringerzange einen kleinen Aluminiumring an. Darauf sind eine Nummer und ein Land eingestanzt. „Der Ring ist wie der Ausweis des Vogels, jeder ist einzigartig“, erklärt er. Während Manuel Ewen die gesammelten Daten in den PC eingibt, misst Klein die Flügel und pustet dem Vogel auf den Bauch. Was amüsant aussieht, hat einen Zweck: „Daran kann man die Fettreserven des Tieres erkennen.“ Keine zwei Minuten später wird die Blaumeise wieder in die Freiheit entlassen.

Auf die Ernährung kommt es an

In 50 Jahren wurden in Übersyren mehr als 500.000 Vögel beringt sowie unzählige Daten und eine Reihe Erkenntnisse gesammelt. Darunter leider nicht nur positive. 1987 zum Beispiel wurde auf der Schlammwiss eine große Studie über Schwalben durchgeführt. Heraus kam, dass es den Singvögeln alles andere als gut geht. Der Grund: Es gab schon damals immer weniger Bauernhöfe in Luxemburg. Schwalben bauen ihre Nester jedoch am liebsten im Stall. Die Schlammwiss will die Studie bald wiederholen, um herauszufinden, wie die Situation gut 30 Jahre später ist.

Auch Wachteln und Lerchen geht es den Studien der Beringungsstation zufolge schlecht. „Früher haben wir 30 Wachteln im Jahr gefangen, in diesem Jahr waren es bisher nur zwei“, sagt Schmitz betrübt. Als er das auf der Facebook-Seite „Birdringingstation Schlammwiss“ postet, reagieren gleich Vogelberinger aus Spanien: „Wir haben das gleiche Problem“, schreiben sie. Die Wachtel ist am Aussterben. Schuld daran sind laut Schmitz die Landwirtschaft und die Pestizide, die sie nutzt. „Kleine Feldhühner fressen als Jungtiere nur Insekten. Sind davon nicht genügend vorhanden, überleben sie nicht.“

Was Privatpersonen dagegen tun können, dass immer mehr Vogelarten vom Aussterben bedroht sind? „Durch bewusste Ernährung kann jeder etwas beitragen“, ist Schmitz überzeugt. Ein argentinisches Steak sei sicher das Letzte, was bei ihm auf den Teller komme. Vegetarisch müsse es jedoch auch nicht gleich sein, sondern hauptsächlich regional, überlegt und bescheiden.

Darin liegt eine weitere Aufgabe, welche die Schlammwiss sich in all den Jahren gestellt hat: Bei den Menschen das Bewusstsein für die Wichtigkeit des Naturschutzes zu schaffen. „Unsere Beringungsstation ist offen für alle“, sagt Schmitz. Im Sommer findet jeden Samstagmorgen eine Führung durch das Feuchtgebiet statt und es kommen regelmäßig Schulklassen zu Besuch.

Den jungen Kuckuck hat Jim Schmitz am Montagmorgen nicht mehr auf seiner „Schlammwiss klunsche gesinn“. Dafür unter anderem einen Eisvogel, viele Schwalben (davon brüten rund 10.000 in Übersyren), ein Blaukehlchen und einen Wendehals. Was es mit dem mysteriösen Jungvogel im letzten Stoffsäckchen auf sich hat, müsse er jetzt schnell herausfinden, sagt der 71-Jährige mit konzentrierter Miene und verschwindet im Beringungs-Container.

Alle Informationen zur Beringungsstation, den Führungen und für Spenden finden Sie unter www.birdringingstation-schlammwiss.com.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here